Volltext

(Artikel * 2005) Bruckner, Ingolf
Traum ohne Schlaf: Guyana und der Sozialismus Zustandsbeschreibung eines vergessenen Landes
in Lateinamerika Nachrichten Nr. 373/74 * Seite 27 - 30
Themen: Armut; Gewalt; Korruption; Rassismus; Sozialismus; Länderkunde * Guyana; USA * Ethnische Vielfalt; Kooperativen; Autarkie; politische Machtkämpfe; Drogen- Waffenschmuggel * Dok-Nr: 154697
Standorte: FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Guyana
Traum ohne Schlaf: Guyana und der Sozialismus
Zustandsbeschreibung eines vergessenen Landes

Fluch oder Hoffnungsschimmer in dem kleinen Land in der Karibik ? fast ein Drittel der Bev?lkerung von Guyana lebt heute im Ausland. Seit 1966 unabh?ngig, ist die Lebenssituation in Guyana seit Jahrzehnten gepr?gt von Armut, Gewalt und Rassismus.

H?pfende Schatten, hinkende Kr?ppel, H?user zugeschn?rt von Krankheit, tiefer dauernder Schmerz, der Traum ohne den Schlaf, jedes Dach ein dunkler Fl?gel, der einen Schatten wirft oder einen lebenden Fluch? ? so beschrieb Martin Carter 1977 seine Heimat, ein Land, von dem Anthony Trollope 1860 behauptete, es sei ?das Elysium der Tropen, das wahre, wirkliche Utopia der karibischen See, das Transatlantische Eden?, ein Land, welches schon Sir Walter Raleigh (ohne es je selbst zu sehen) 1596 ?Gro?es, reiches, ch?nes Empire Guyana? genannt hatte.
Die Rede ist von einem Staat im Nordosten S?damerikas, den die Welt heute vergessen hat: Doppelt so gro? wie das Gebiet der ehemaligen DDR, leben in Guyana nur 750.000 Personen, und es werden st?ndig weniger ? trotz hoher Geburtenrate, neuen Immigrantinnen aus China, illegalen brasilianischen Goldgr?bern.
Arbeit gibt es nur auf Zuckerrohrplantagen und Reisfeldern, die sich entlang des dichtbesiedelten K?stenstreifens bis an den Rand des Dschungels erstrecken, der Guyanas Gro?teil einnimmt. Arbeit gibt es auch in malariaverseuchten Gold- und Diamantenminen. Alternativen sind kaum vorhanden: Guyana ist Plantagengesellschaft pur ? mit wenig urbanen Ballungszentren und fast keiner Industrie.

Gedr?ngtes Chaos

In der Hauptstadt Georgetown treten sich 250.000 Menschen auf die F??e. Sie bauen auf der stillgelegten Kolonialeisenbahntrasse Bananen an, z?chten H?hner, versuchen, mit allem und nichts Gesch?fte zu treiben. Bordsteinkantenh?ndlerInnen halten Mangos, Rattengift oder Zahnpasta in der Hand, denn ?Cheap ting mek al men buy ? Billiges findet K?ufer!? Von wegen! Guyanas Fl?sse flie?en, nicht aber das Geld: Jeder will verkaufen, kaufen will keiner. Manche lungern frustriert am Rum Shop, n?hren ihren Zorn, bis er sich an beliebigen Opfern, die zur falschen Zeit am falschen Ort sind, exzessiv entl?dt. Ein generelles Gef?hl, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, beherrscht die Menschen: Wer kann, sucht sein Gl?ck ? h?ufig illegal ? in Kanada, den USA oder Venezuela. Etwa 300.000 GuyanerInnen leben im Exil. Zur?ckgebliebene ?berleben oft nur durch Geldsendungen. Geistig Verwirrte und Bettler irren in Scharen barfu? ?ber Georgetowns zerpfl?gtes Stra?enpflaster. Knochend?rre Pferde mit eiternden Geschw?ren stehen an stinkenden Kan?len, an deren von Unrat verpesteten Ufern Obdachlose Suppe in Blechb?chsen kochen: ?Wha na kill fattn ? wenn?s nicht umbringt, macht?s fett.? Die Selbstmordrate ist hoch.
Als ich 1995 zum ersten Mal in Georgetown bin, ist es, als habe sich l?hmender Mondstaub auf die Stadt gesenkt. Zerborstene Bretter alter Stelzenh?user recken sich bizarr wie Walknochen in den traurigen Tropenhimmel. Abends liegt die Stadt tot: Man folgt einer freiwilligen Ausgangssperre, um nicht ?berf?lle mit Eisenstange oder Machete zu riskieren. ?Es ist immer ein bisschen wie B?rgerkrieg?, sagen die Leute.
Glaubt man Albert Behari, dem Wirt des ?Linah Dinah?, war die Tiger Bay, heute Slum und Ruinenfeld, einst Herz der Stadt: wei?e viktorianische Holzkontore, Lilien unter landestypischen Demerara-Fenstern, bunte indische Kraml?den, chinesische Spelunken gab es hier. Asiatische, schwarze, portugiesische, britische Bev?lkerung, alle dr?ckten sich in den Markisenschatten. Behari: ?Wir sind das ?Land der sechs Rassen?. Obwohl jetzt eine fehlt: Die Wei?en sind weg.?

Ethnische Vielfalt
und Rassismus

Afrikanische SklavInnen schufteten auf den im 17. Jahrhundert gegr?ndeten holl?ndischen, sp?ter auch englischen Plantagen. Nach Aufhebung der Sklaverei 1838 importierte England abertausende Vertragsarbeiter, die die Arbeit ?bernahmen: Schiffe voll mit halbverhungerten Menschen aus dem portugiesischem Madeira, aus China und vor allem aus Indien. Aktuell leben in Guyana 50 Prozent indischst?mmige, 35 Prozent afrikanischst?mmige und 5 Prozent indigene Bev?lkerung, 10 Prozent Mestizen, sowie ChinesInnen und PortugiesInnen.
In seiner Seemannskaschemme serviert Behari popul?ren Banko- Wine: neun Volumenprozent Alkohol, zu s?? wenn er warm ist ? aber gut mit Eis. Auf dem Etikett leuchten Hammer, Zirkel und ?hrenkranz, dar?ber steht: ?Goldmedaille Leipziger Messe 1986?.
Was ist los mit diesem Land? Souver?nit?t erlangte die Kolonie British Guyana 1966 ? bereits chronisch infiziert von Rassismus, Armut und Gewalt. ?Alles drehte sich um Zucker?, beschrieb Cheddi Jagan seine Plantagenkindheit. ?Es gab zwei Welten: die der wei?en Ausbeuter und die der nicht-wei?en Ausgebeuteten. Herrenh?user hatten elektrisches Licht, Arbeiterbarracken Kerosinlampen. Elektrizit?t war, wie so vieles, ein Statussymbol.? ? Von wegen ?Elysium?! Die Ethnien lebten voneinander getrennt, fast ohne Kontakt. Bis heute arbeitet ein Gro?teil der afrikanischst?mmigen Bev?lkerung in urbanen Zentren und Minen, Gro?teile der indischen Bev?lkerung als K?stenb?uerinnen und -bauern. Die Ind?genas verlassen selten das Hinterland. Guyana ist ein zersplittertes Land.
Seit viele Indo-GuyanerInnen wie Behari stadtw?rts ziehen, geraten sie mit den Afro-GuyanerInnen und Portugiesischst?mmigen in Konkurrenzkampf. Unverst?ndnis versch?rft die Lage. Behari wei?: ?Viele Hindus schotten sich ab, verbieten ihren Kindern Umgang mit Schwarzen. Helle Haut gilt ihnen als edel und rein ? einen Schwarzen in der Familie zu haben, als Albtraum! Die Schwarzen sind toleranter.?
Anfangs schien ein integrativer Sozialismus die L?sung dieser Probleme zu versprechen. Cheddi Jagan, Indo-Guyaner, in den USA zum Zahnarzt ausgebildet, und Forbes Burnham, ein schwarzer, in England ausgebildeter Anwalt, vereinten die Ethnien 1950 in ihrer Fortschrittlichen Volkspartei (PPP), die f?r ein Ende von Unterdr?ckung und Arbeitslosigkeit stand. Die Partei propagierte die St?rkung kleiner Landp?chterInnen gegen?ber den Zuckerbossen, die fast alles Kulturland besa?en, und strebte die Enteignung brachliegender Felder an. Auch sollten ArbeiterInnen k?nftig abstimmen d?rfen, welcher Gewerkschaft sie angeh?ren wollten..
Sowohl Jagan als auch Burnham tr?umten davon, Staatschef zu werden. Jagan wollte Kommunismus, Burnham Sozialismus. Letzterer mahnte zu Vorsicht: Drau?en in der Welt herrschte der Kalte Krieg, in den USA antikommunistische Hysterie. War da M??igung nicht kl?ger? Es stand schlie?lich die in Aussicht gestellte Unabh?ngigkeit auf dem Spiel.
In der Tat lie? die Reaktion Gro?britanniens nicht lange auf sich warten: Truppen landeten in Guyana, entfernten die PPP-Regierung und setzten die neue Verfassung, welche autonome guyanische Parteien erst m?glich gemacht hatte, au?er Kraft, um ?kommunistische Subversion zu verhindern?. Jagan wurde monatelang inhaftiert.
Fortgesetzte Machtk?mpfe f?hrten dazu, dass Burnham eine neue Partei gr?ndete, den Nationalen Volkskongress (PNC), der sich vorrangig afro-guyanischen Interessen widmete. Zeitgleich erlangte Jagans PPP den Ruf, ?indisch? zu sein. Seitdem gilt in Guyana: ?W?hle deine Rasse!? Im Wahlkampf 1961 mussten Kandidaten beider Seiten stets mit brutalen ?bergriffen rechnen. Es gab Bef?rworter der Aufteilung Guyanas in Zonen: eine f?r die afro-guyanische Bev?lkerung, eine f?r die indo-guyanische Bev?lkerung und eine, in der, wer wollte, zusammenleben konnte.

Politische Machtk?mpfe
der 1960er Jahre

Nach seinem Wahlsieg erkl?rte Jagan, Guyanas Beziehungen mit Kuba ausweiten zu wollen. Dabei ignorierte er das bis zum Zerrei?en gespannte Verh?ltnis zwischen den USA und Kuba. Die USA nahmen an, dass ein Guyana unter Burnham f?r sie vorteilhafter sei. Im folgenden sch?rte die CIA Streiks und Aufruhr. Das Ziel: Jagans Sturz.
Ab 1962 trug die Opposition unter Burnham die Politik aus dem Parlament auf die Stra?e: Es gab Proteste gegen den Haushalt, der Steuererh?hungen f?r Wohlhabende und eine Pflicht zur Anlage von Staatsanleihen vorsah. Der von den USA beeinflusste Gewerkschaftsrat rief zum Generalstreik auf. Ein ?Schwarzer Freitag? bescherte Guyana schlimmste Unruhen, bei denen gro?e Teile des h?lzernen Georgetown niederbrannten.
Der Gewerkschaftsrat, dessen Vorsitzender zugleich Pr?sident der korrupten Union der ZuckerarbeiterInnen war, rief 1963 einen zweiten Generalstreik aus. Zwar waren fast nur Burnham-Anh?ngerInnen streikwillig, die ?brigen ArbeiterInnen aber wurden von den m?chtigen Firmen ausgesperrt. Die USA f?rderten den Streik massiv.
Die CIA schleuste den Streikenden Gelder zu. Dadurch waren diese so gut finanziert, dass sie den Streik ?ber lange Zeit aufrechterhalten konnten und ihre Forderungen st?ndig erweiterten. Blutige Ausschreitungen begleiteten den Streik. Er endete erst nach 80 Tagen ? mit Jagans Kapitulation.
Um die PPP endg?ltig aus dem Amt zu dr?ngen, ?nderte Gro?britannien unter dem Druck der USA das Wahlsystem, so dass ein zuk?nftiger Sieg Burnhams abzusehen war. Neuwahlen sollten noch vor der Unabh?ngigkeit stattfinden. Dies provozierte eine neue Krise. Von Februar bis August 1964 organisierte Jagan einen Generalstreik der Zuckerindustrie gegen den Wahlplan. W?hrenddessen wurde Guyana von Terrorwellen ersch?ttert, wobei sich die Gewalt vornehmlich gegen potenzielle PPP-Anh?ngerInnen richtete.?ber tausend Menschen wurden get?tet oder verwundet, 1.400 H?user abgebrannt, 15.000 Personen gezwungen, in Gebiete ihrer jeweiligen Ethnie zu ziehen. Mit Eisenstangen bewehrte Fahrradbanden ?berfielen PassantInnen und Gesch?fte, raubten, mordeten, vergewaltigten. Im Bauxit-gebiet von Mackenzie/Wismar machte eine aufgeputschte Menge ganze Stra?enz?ge dem Erdboden gleich.
Jagan erreichte nichts. Der neue Gouverneur der Kolonie sperrte gew?hlte PPP-Politiker ein. Derart geschw?cht konnte die PPP nicht die absolute Mehrheit erzielen. Jagans Angebot, mit ihm zu koalieren, schlug Burnham aus, der stattdessen mit den portugiesisch-dominierten Liberalen die Regierung bildete.
Auch im unabh?ngigen Guyana beherrschten Rassismus und Korruption den Alltag. Staatsgelder verschwanden spurlos. Burnham gelang es trotz allem, seine Macht zu festigen. Die Wahlen 1968 und alle weiteren in den n?chsten Jahrzehnten waren gekennzeichnet von dreistem Betrug.

Kooperativen und
Autarkie

Burnhams Politik folgte zun?chst einem Konzept, das auf Selbsthilfe und Gr?ndung von Kooperativen beruhte, denn dies garantiere maximale Mitbestimmung der Massen. Er berief sich auf Bestrebungen ehemaliger SklavInnen, die einst aufgegebene Pflanzungen gekauft hatten, um dort gemeinsam zu leben, und auf das erfolgreiche Zusammenwirken indischer Gro?familien in der Landwirtschaft. Kooperativen wurzelten in der Volkspsyche, machten ?den kleinen Mann zum wirklichen Menschen?. Ab 1970 hie? der Staat offiziell Kooperative Republik Guyana. Verstaatlichungen ausl?ndischer Unternehmen folgten.
Doch Burnham selbst untergrub seine Ideen: Er beg?nstigte seine Getreuen bei der ?mter- und Lebensmittelverteilung, besetzte Milit?r und Polizei mit PNC-Anh?ngern, verbot freie Presse, lie? sich als ?Comrade Leader? (?Genosse F?hrer?) und ?Kabaka? (Swahili: ?K?nig?) feiern.
Die Folge von Vetternwirtschaft und Gewaltkriminalit?t war der Bankrott des Landes Anfang der 1980er Jahre. Deshalb erh?hte Burnham Reis- und Zuckerexporte drastisch, erlie? umfassende Einfuhrverbote, auch f?r Grundnahrungsmittel und strebte Autarkie an. Der Wirt Behari: ?Wir experimentierten mit ?Reismehl?, kauten zum Z?hneputzen Zweige. N?chtelanges Schlangestehen wurde Routine.?
Das Schmuggelgesch?ft bl?hte. EinwohnerInnen mancher Landesregionen und viele bestechliche Staatsdiener lebten und ?berlebten fast ausschlie?lich durch diesen Gesch?ftszweig. H?ufigste Schmuggelwaren waren Milchpulver, Weizenmehl, Zwiebeln, Konserven, Seife, Plastikware, Gasherde, K?hlschr?nke, Benzin. Die Leute legten zu Hause Geheimf?cher an, in denen sie illegal eingef?hrte Lebensmittel horteten ? stets auf Polizeikontrollen gefasst. Wirtschaft und Infrastruktur brachen zusammen. Durchfall, Malaria und Kr?tze breiteten sich in der Hauptstadt aus. Mehr als zwei Drittel aller Kleinkinder waren unterern?hrt. In Scharen verlie?en die Menschen Guyana.
1985, auf dem Sterbebett, soll Burnham um Kondensmilch gebeten haben ? ein illegales Produkt. Erst sein Nachfolger, der afro-guyanische Anwalt Desmond Hoyte (PNC), lockerte den Weizenmehl-Bann und die ?brigen Verbote.

Wachsende Ungleichheit

Mit Jagans Wahlsieg 1992 besserte sich langsam die ?konomische Lage, doch die Reichtumsschere klafft auseinander. Stra?en, Schulen, Betongeb?ude werden heute gebaut, Felder Besitzlosen zur Bebauung freigegeben, Verkehrsampeln installiert: Doch die Stadt erstickt 2005 im Stau. Von Sozialismus redet keiner mehr. ManchE ExilantIn kommt hoffnungsfroh heim, bringt US-Dollars und US-Lebensart mit. Raubkapitalismus hat Konjunktur. Ausl?ndische Holz- und Bergbaufirmen pl?ndern das Land. US-Wunderprediger und Sektenangeh?rige missionieren in den Indianerreservaten mit h?ufig zweifelhaften Methoden. Internationale Drogen- und Waffenschmuggler str?men ins Land. Georgetowns Banden besitzen Maschinenpistolen. Janet Jagan, geb?rtige US-Amerikanerin, Witwe des 1997 verstorbenen Cheddi, musste wegen ihrer wei?en Hautfarbe als Staatschefin (PPP) zur?cktreten ? offiziell ?aus gesundheitlichen Gr?nden?. Viele Afro-GuyanerInnen f?hlen sich von der PPP diskriminiert. Nach deren erneutem Wahlsieg 2001 standen Teile der Stadt in Flammen ? angez?ndet von ver?rgerten PNC-Anh?ngerInnen. 2002 st?rmte eine erregte Menge sogar den Sitz des gegenw?rtigen indischst?mmigen Pr?sidenten Bharrat Jagdeo (PPP). Der Staat verlor monatelang die Kontrolle ?ber die afro-guyanische Siedlung Buxton.
Der schwarze Goldgr?ber Solex im Dschungel sagt: ?Der Staat ist ein Zuh?lter. Wir im Busch brauchen ihn nicht. Wir zahlen keine Steuern. Wenn wir krank sind oder bedroht werden, helfen wir uns allein. Hier drau?en sind wir frei.? ? Das Konzept Kooperative hat also immer noch Bestand.
Die Banko-Wine-Flasche ist leer. Behari holt eine neue.

Text: Ingolf Bruckner
Ausgabe: Nummer 373/374 - Juli/August 2005