Volltext

(Artikel * 2004) Dillmann, Hans-Ulrich
Haiti und die Dominikanische Republik: Katastrophe hausgemacht Überlebenden der Flut droht jetzt die Willkür der Behörden
in Lateinamerika Nachrichten Nr. 361/62 * Seite 18 - 20
Themen: Armut * Dominikanische Republik; Haiti; USA * Katastrophenhilfe; MigrantInnen; Flutkatastrophe * Dok-Nr: 153031
Standorte: FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Erinnerung
Kunst als Ged?chtnis
Das Archiv von Tucum?n Arde dient der Sichtbarmachung von Geschichte im Licht der heutigen ?konomisch-gesellschaftlichen Krise in Argentinien

Tucum?n Arde! Tucum?n brennt, so lautete der Name einer Ausstellung, die 1968 in Rosario und Buenos Aires stattfand. Die Folgen der ersten Neoliberalisierungswelle unter dem Diktator Ongan?a (1966-70) in der Region Tucum?n waren Untersuchungsgegenstand eines K?nstlerkollektivs innerhalb der Grupo de Arte de Vanguardia (Gruppe der avantgardistischen Kunst) in Argentinien. Im November 2002 fuhren die in Berlin lebenden K?nstlerInnen und KuratorInnen Alice Creischer und Andreas Siekmann nach Buenos Aires, um im Foucault?schen Sinne die Genealogie der aktuellen ?konomischen Krise innerhalb eines k?nstlerischen Projektes nach zu zeichnen. Konkretes Resultat war die vom 6. M?rz bis 16. Mai 2004 im Museum Ludwig der Stadt K?ln gelaufene Ausstellung ?Ex Argentina?. F?r einige K?nstler von Tucum?n Arde war es die erste M?glichkeit, wieder ?ffentlich arbeiten zu k?nnen. Aber auch hier nicht ohne Kritik, diesmal von deutscher Seite.

Graciela Carnevale ist heute Kunstprofessorin an der Universidad de Rosario. ?ber die Zeit der Diktatur Ongan?as (1966-70) hat sie ein umfangreiches Archiv angelegt: Videos, Fotos, Briefe, Artikel und Dokumente ?ber die Aktivit?ten der Gruppe w?hrend der Diktatur. Doch auch viele Dokumente ?ber die spektakul?ren Aktionen der Tucum?ns hat sie aus Angst vor der Milit?rjunta vernichtet.
Durch das wachsende Interesse einiger WissenschaftlerInnen Anfang der neunziger Jahre an der Bewegung setzte sich Graciela erneut mit dieser Zeit auseinander. Unsichtbar waren diese ProtagonistInnen lange Zeit, so wie Ralph Ellisons ?Invisible Man?. Erinnerung bedeutet auch, die Bedingungen der Wahrnehmung zu ver?ndern, sie ist unmittelbar an performative Akte der Anerkennung gekn?pft. Trotz einiger verlorener Dokumente hat die ?Hardware? des Archivs als Ged?chtnisspeicher nicht versagt und die noch vorhandenen Dokumente geben nach wie vor ein Zeugnis ?ber die Arbeit der Gruppe und die politische Situation unter Ongan?a ab. ?Die Zeit hat das Archiv zu dem gemacht, was es heute ist. Seine Pr?senz enth?lt zugleich auch Spuren dessen, was nicht mehr vorhanden ist, Spuren der Zensur, der Unterdr?ckung von Informationen, der erlittenen Verluste?, sagt Graciela. Schlie?lich hat sie in den letzten Jahren immer weitere Informationen und neue Interpretationen aufgenommen, das Archiv ist f?r sie zu einem Ged?chtnis geworden, um einen wichtigen Lebensabschnitt zu bewahren. Die Erfahrung der Diktatur sei f?r politisch aktive K?nstlerInnen oft traumatisierend gewesen, betont Alice Creischer. Viele seien entweder in die Guerilla eingetreten oder h?tten der Kunst ganz abgeschworen.

A propos Marmeladenkultur

1965 schloss sich in Rosario eine Gruppe von jungen K?nstlerInnen zusammen, die den Kunstbetrieb aufmischten und f?r Aufsehen sorgten. Es folgten einige Ausstellungen mit experimenteller Plastik und Objektkunst. Die Gruppe gewann durch weitere K?nstlerInnen die verlorene F?higkeit zur Konfrontation wieder und als eines ihrer originellsten Manifeste galt mit Sicherheit das ?Anti-Marmeladenkultur-Manifest? von 1966. Unter ?Marmeladenkultur? subsumierte man alle Kulturprodukte des b?rgerlichen Mainstream und der akademischen Kunst. ?Die Marmeladenkultur ?u?ert sich t?glich, wenn sie kreative Arbeit verhindert oder schw?cht. Es gibt eine Marmeladen-Art zu sein und zu denken, eine Marmeladen-Literatur, ein Marmeladen-Theater, eine Marmeladen-Malerei und so weiter. Wir betonen noch einmal unsere Verteidigung einer ernsthaften, tief greifenden, kreativen und revolution?ren Malerei, die dem Betrachter immer neue M?glichkeiten von Erkenntnis und Gem?tsbewegung er?ffnet; eine Malerei des Forschens, der Untersuchung, die die intellektuellen M?glichkeiten derer, die sie machen, ausdrucksvoll vereint.?
Wird hier lediglich die revolution?re Malerei gefordert und sich an stilistischen Begriffen abgearbeitet, so richtet sich der interne Diskurs der Grupo de Arte de Vanguardia innerhalb der folgenden zwei Jahre zunehmend an politischen Themen aus. Die k?nstlerische Praxis wird zur politisch-revolution?ren Praxis in vivo.

Kunst als politische Praxis

Der ?Weg von ?68? (Itinerario del ?68) bezeichnet eine Reihe von gemeinsamen Aktionen k?nstlerischer Gruppen oppositioneller und politischer Art gegen die damalige Milit?rdiktatur. In den letzten Monaten des Jahres 1968 entstand das Projekt Tucum?n Arde als ein kollektiver Zusammenschluss von K?nstlerInnen aus Rosario und Buenos Aires. An Tucum?n Arde war nicht nur die Gruppe von K?nstlerInnen beteiligt, sondern eine ganze Generation. Der Itinerario del ?68 arbeitete mit den Gewerkschaften CGT (Uni?n General de Trabajadores) zusammen und verstand sich als Kritik am etablierten K?nstlerInnenbetrieb. ?Es gibt keine ?sthetische Betrachtung mehr, weil sich die ?sthetik im sozialen Leben aufl?st?, hie? es auf einem Flugblatt, das Roberto Jacoby als St?rung einer Ausstellung experimenteller Kunst verteilte. Erg?nzt wurde seine ?Arbeit? durch ein Plakat, auf dem ein gegen den Vietnam-Krieg und Rassismus protestierender Farbiger zu sehen war. Die Nachrichten Agentur France-Press stellte einen Fernschreiber zur Verf?gung und so konnte man sich beim Betrachten dieses ??sthetischen Ereignisses? gleichzeitig ?ber die ArbeiterInnenstreiks und Demonstrationen franz?sischer StudentInnen informieren.
Auf dem ersten nationalen Treffen der AvantgardistInnen 1968 in Rosario wurde dann ein Programm formuliert, in dem die zuk?nftige inhaltliche Ausrichtung der Arbeiten festgelegt wurde. Diese ?echte Avantgarde?, denn so definierten sie sich im Gegensatz zur ?falschen Avantgarde?, suchte nach einer neuen ?sthetik und nach neuen Themen. Aus der historischen Avantgarde hatte sie die Idee aufgegriffen, Kunst und Leben miteinander zu verkn?pfen, das hie? konkret, die Kunst im Rahmen eines revolution?ren Prozesses zu begreifen. Theoretisch abgefedert wurde dies durch die marxistische Theorie, denn diese lieferte die bestm?gliche Interpretation der bestehenden Verh?ltnisse. Tucum?n Arde wollte eine Realit?t offenbaren: Die Repressionen gegen ArbeiterInnen, der GrundbesitzerInnen gegen Besitzlose und der Eigent?merInnen der Produktionsmittel gegen ein Reserveheer von Arbeitskr?ften. Die massive Arbeitslosigkeit, Hunger und Armut waren nichts Neues in dieser Region. Virulent wurde dies in Tucum?n durch die Schlie?ung von Zuckerplantagen als Folge der Modernisierungsma?nahmen der wirtschaftlichen Strukturen unter Ongan?a, die so genannte ?Operativo Tucum?n?.

Erinnerung: die Wahrnehmungsbedingungen ?ndern

Das Sprechen ?ber das Archiv und seine Wiedersichtbarmachung bedeutet sicherlich nicht nur Aufarbeitung der Geschichte einer politisch arbeitenden K?nstlerInnengeneration, die mit dem institutionalisierten Kunstbetrieb brechen wollte. Es bringt dar?ber hinaus die systematische und kontinuierliche Ausbeutungspraxis einer Region, die wom?glich erst durch die aktuelle Krise wieder st?rker sichtbar wurde, in den Vordergrund. In Tucum?n besteht eine Kontinuit?t von Ereignissen und Prozessen der Neoliberalisierung der Wirtschaft, die sich bis heute fortschreibt.
?Pasos para huir del trabajo al hacer? (Schritte zur Flucht von der Arbeit zum Tun), so lautet der Titel des Ausstellungskataloges nach John Holloway. Damit ist vor allem das Ende einer Ausbeutungsform gemeint, die in der Arbeit organisiert ist. Es soll s?mtliche ?berlebens?konomien und Formen von Selbstorganisationen der ArgentinierInnen bezeichnen wie die escraches (politische Performance zur ?chtung straflos gebliebener T?ter der Milit?rdiktatur) oder das Colectivo Situaciones. ?Es kann bedeuten, dass diese Unverwertbarkeit eine Freisetzung von dem ist, was man als gesellschaftliches Tun bezeichnen kann. Dieses Tun ist der Gegensatz von Arbeit, es ist n?mlich ein Handeln, das nicht mehr abgetrennt ist von der Umgebung und dem Leben, in dem es stattfindet.? In diesem Sinne k?nnte die kontinuierliche Krise als Labor oder ?ffnung zu verstehen sein. Allerdings verweist in diesem Zusammenhang der Begriff der Krise auf seine problematische Verwendung. F?r die Videok?nstlerin Ana Claudia Garc?a aus Tucum?n steht der Begriff in einem unmittelbaren Zusammenhang mit dem Thema Wahrheitsproduktion und scheinbarer Offensichtlichkeit. Wahrheit scheint durch die neuen Bild- und Informationstechnologien regelrecht ?berexponiert worden zu sein. Man glaubt, dass durch das steigende Ausma? an Informationszug?ngen das Wissen erh?ht wird. Repr?sentation und Abbildung, Sichtbarkeit und Wahrheitsfindung sind aber keine so transparenten Begriffe, sondern abh?ngig von ihrer Wahrnehmung und dem Umfeld. So wurde in der ?ffentlichen Darstellung der Krisenregion Tucum?n permanent und gezielt vorenthalten, dass gerade in dieser Region internationale Chemiekonzerne mit genmanipuliertem Sojasaatgut experimentieren und damit Rekordernten einfahren, also eine hochtechnologisierte Modernisierung stattfindet, die in krassem Gegensatz zu der Armut steht. Im Sinne einer Genealogie wollten die Ausstellungsmacher eine k?nstlerische Praxis und Untersuchung entwickeln, die genau ?ber diese Zusammenh?nge der Macht informiert.
Tucum?n Arde arbeitete mit gezielt eingesetzten ?berinformationen, bewussten Denunziationen und der dokumentarischen Fotografie als Strategie, um die konstruierte ?ffentlichkeit der Ongan?a-Diktatur zu konterkarieren. Es bleibt die Frage, wie eine kritische Darstellung der Verh?ltnisse heute aussehen k?nnte. Das Colectivo Situaciones benutzt heute wieder den Begriff der ?militanten Untersuchung? f?r ihre Aktionen. Eine Methode, die die wissenschaftliche Objektivit?t ablehnt und die Involviertheit des Autors in eine politische Praxis fordert. Bei der K?lner Ausstellung f?hrte diese Provokation zu einem politischen ?bergriff der Politik auf die k?nstlerische Freiheit. Die Ausstellung l?ste einen Streit zwischen dem Direktor des Museum Ludwig, der reaktion?ren Kunstlobby und dem CDU-Kulturausschuss aus, der eine einstweilige Verf?gung ?ber einige Exponate erreichte. Die Kunst sei zu soziologisch und h?tte keinen Subjektbegriff, lautete das Urteil.

Publikationen im Rahmen von ?Ex Argentina?:
Schritte zur Flucht von der Arbeit zum Tun. Pasos para huir del trabajo al hacer. Ex Argentinia, Ausstellungskatalog, Alice Creischer, Andreas Siekmann, Goethe Institut Buenos Aires 2004
Tucum?n Arde: eine Erfahrung, hg. Arbeitsgruppe Tucum?n Arde, b_books, Berlin 2004
Colectivo Situaciones: Escrache. Aktionen nichtstaatlicher Gerechtigkeit in Argentinien. b_books, Berlin 2004
Eduardo Molinari: Das silberne und k?nigliche Buch. Buenos Aires, 2004.

Text: Elke Stefanie Inders
Ausgabe: Nummer 363/364 - September/Oktober 2004