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(Artikel * 2004) Zeller, Thomas
Ausgeschlossen in der Favela Der Vizegouverneur von Rio de Janeiro hat vorgeschlagen, eine Mauer um Lateinamerikas größte Armensiedlung zu ziehen
in Lateinamerika Nachrichten Nr. 360 * Seite 40 - 42
Themen: Armut; Gewalt; Paramilitär * Brasilien * Favelas; Prostitution; Drogenhandel * Dok-Nr: 152916
Standorte: FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Brasilien
Ausgeschlossen in der Favela
Der Vizegouverneur von Rio de Janeiro hat vorgeschlagen, eine Mauer um Lateinamerikas gr??te Armensiedlung zu ziehen

Der Vorschlag des carioca Politikers Luiz Paulo Conde, das Viertel Rocinha einzuz?unen, ist eine Reaktion auf die steigende Gewalt in ?der sch?nsten Stadt der Welt? und soll die Wohnbereiche der Ober- und Mittelschicht sch?tzen. Doch vollz?ge die Ma?nahme auf st?dtebaulicher Ebene eine Trennung, die in der brasilianischen Gesellschaft ohnehin existiert.

Der im Januar diesen Jahres aus dem Gef?ngnis geflohene Edu?no Eust?quio de Ara?jo Filho, kurz Dudu, wollte im April mit seinen Gef?hrtInnen vom ?Roten Kommando? (Comando Vermelho) die Favela Rocinha st?rmen. Das wohl ber?hmt-ber?chtigste Armenviertel Lateinamerikas gilt als der Hauptumschlagsplatz der Drogenszene Rio de Janeiros. Ziel der Invasion war die R?ckeroberung des Drogenhandels, dessen Kontrolle Dudu an seinen Rivalen Lulu, Luciano Barbosa da Silva, mit seiner Verhaftung verloren hatte. Der Bandenkrieg um den Chefsessel hatte eine tagelange Explosion der Gewalt zur Folge. W?hrend des Feuergefechts, bei dem ?ber 1.300 Polizisten tagelang die Favela besetzten, kamen neben dem Drogenboss Lulu weitere 13 Menschen ums Leben.
Die Schusswechsel der letzten Tage sind f?r die BewohnerInnen von Rios Favelas brutaler Alltag. Sie sind die Geiseln der Drogenbosse und stehen immer zwischen allen Fronten, wenn die verschiedenen Banden wieder einmal ihr Revier neu abstecken oder die Polizei auf Gangsterjagd geht. Die Medienberichterstattung und die Diskussionen allerdings drehen sich nahezu ausschlie?lich um die Gef?hrdung der ?ffentlichen Sicherheit. Das Leben, die soziale Situation und die Sicherheit der BewohnerInnen der Favelas finden dabei kaum Beachtung. Sie werden allenfalls als Komplizen des Verbrechens wahrgenommen. Mit den Favelas und ihren BewohnerInnen will man nichts zu tun haben. Spiegelbild dieser Haltung ist die absurde Idee des Vize-Gouverneurs des Bundesstaates Rio de Janeiro, Luiz Paulo Conde, der vorschlug, eine Mauer rund um die Favela Rocinha zu errichten.

Leben im Hochsicherheitstrakt
Doch Mauern m?ssen nicht erst neu gebaut werden. Diese existieren bereits in vielfacher Form. Ein Streifzug durch brasilianische St?dte zeigt hochger?stete H?user, mit vergitterten Fenstern, hohen Mauern, Stacheldraht, Elektrozaun und scharfen Wachhunden. Die Neuwagen sind mit Gangsperre, verdunkelten Scheiben, einer Alarmanlage bis hin zu kugelsicheren Scheiben ausgestattet. Die Reichen ziehen es vor, ihre Kinder in bewachte Privatschulen zu schicken, in umz?unten Shopping Zentren ihre Freizeit zu verbringen und in sogenannten ?Condom?nios fechados? zu residieren. Das sind in sich abgeschlossene Wohnsiedlungen, umgeben von einer Mauer, Wacht?rmen und einem bewaffneten Sicherheitsdienst, der diese ?exterritorialen R?ume? rund um die Uhr bewacht. In diese Wohnghettos der Privilegierten darf nur hinein, wer dort lebt oder dessen Zugang autorisiert wurde.
Die riesigen urbanen Ballungsr?ume Brasiliens wie Rio de Janeiro mit seinen weit ?ber zehn Millionen EinwohnerInnen beherbergen heute extreme Armut und unfassbaren Reichtum zugleich. Innerhalb der letzen 20 Jahre hat sich die Anzahl reicher BrasilianerInnen mehr als verdoppelt. Z?hlte das brasilianische Institut f?r Geografie und Statistik (IBGE) im Jahr 1980 noch 507.600 Familien mit einem monatlichen Einkommen von ?ber 10.982 Reais (3.138 Euro), waren es im Jahr 2000 schon 1.162.164 reiche Familien. Der Anteil dieser Familien am Nationaleinkommen stieg innerhalb der vergangenen 20 Jahre von 20 Prozent auf 33Prozent. Das hei?t, dass heute allein 2,4 Prozent aller Familien ein Drittel des brasilianischen Gesamteinkommens beziehen. Diese Daten stammen aus der im April diesen Jahres von der Stiftung Get?lio Vargas ver?ffentlichten Studie ?Atlas des sozialen Ausschlusses ? die Reichen in Brasilien?. In dieser wurde berechnet, dass in einem Land mit mehr als 177 Millionen EinwohnerInnen, allein die 5.000 reichsten Familien oder 0,001Prozent aller brasilianischen Familien ein Verm?gen von ungef?hr 40 Prozent des Bruttoinlandsproduktes Brasiliens eines Jahres auft?rmen. Das oberste Zehntel der Gesellschaftspyramide vereint drei Viertel aller Reicht?mer des Landes auf sich.

Die Armen vor dem Tore
Auf der anderen Seite hat eine Mitte April ver?ffentlichte Studie ans Licht gebracht, dass ein Drittel der BrasilianerInnen weniger als 79 Reais (22 Euro) monatlich zur Verf?gung stehen. Brasilien befindet sich mit den afrikanischen L?ndern Namibia, Botswana und Sierra Leone in der wenig r?hmlichen Spitzengruppe der L?nder mit der h?chsten Einkommenskonzentration der Welt. Im Falle der Favela Rocinha ist diese extreme Ungleichheit mit blo?em Auge sichtbar. Das Armenviertel liegt eingebettet zwischen den reichsten Stadtteilen Rios, Ipanema und Copacabana. Mit einem Stundenlohn von durchschnittlichen 2,10 Reais (60 Cent) verdienen die BewohnerInnen der Rocinha mit den selben Merkmalen bez?glich Hautfarbe, Geschlecht, Alter und Schulbildung bis zu 90 Prozent weniger als ihre direkten NachbarInnen in den noblen Wohngegenden und m?ssen daf?r auch noch vier bis f?nf Stunden mehr arbeiten. Auf dem Arbeitsmarkt haben die favelados/as allein auf Grund ihrer Herkunft kaum Chancen. Oft verleugnen sie daher ihre Adresse.
In nur drei Jahrzehnten nach Beginn der Urbanisierung in den siebziger Jahren schufen die brasilianischen Metropolen in ihrem Inneren all jene soziale Ungleichheit, die in den Jahrhunderten zuvor in den l?ndlichen Regionen vorherrschte. W?hrend in S?o Paulo im Jahr 1970 lediglich ein Prozent seiner EinwohnerInnen in den Elendsvierteln am Rande der Stadt hauste, stieg deren Anteil schon im Jahr 1993 auf 19,4 Prozent. Auch ganz ohne Mauern ist die gro?e Mehrheit der Bev?lkerung ausgeschlossen und steht am Rande der Gesellschaft.

Im Kreislauf der
Gewalt gefangen
F?r Millionen von BrasilianerInnen ist selbst ein simpler Kinobesuch ein unerreichbarer Luxus. In den seit Jahrzehnten unaufhaltsam wachsenden Elendsg?rteln, die sich rund um die brasilianischen Metropolen schn?ren, sammelt sich ein wachsendes Heer von Hoffnungslosen. Chaotische und illegale Ansiedlung ohne Infrastruktur, enorm hohe Arbeitslosigkeit in Verbindung mit der Abwesenheit der ?ffentlichen Hand verwandeln die Stadtr?nder zunehmend in eine H?lle aus extremer Armut und grausamster Gewalt. Der ?Atlas des sozialen Ausschlusses? identifiziert 13 der 32 Bezirke Rio de Janeiros als in hohem Ma?e von regul?rer Besch?ftigung, Alphabetisierung und Beschulung ausgeschlossen. In diesen 13 ?rmsten Bezirken der Stadt, die einen sehr hohen Grad an Gewalt und Armut aufweisen, wohnen 38,5 Prozent der Bev?lkerung.
Auf Grund der Abwesenheit des Staates in den Elendsvierteln der Stadtperipherie sind die BewohnerInnen der Favelas der allt?glichen grausamen Gewalt der Banden und Drogendealer machtlos ausgeliefert. Angesichts der ?berm?chtigen und bis an die Z?hne bewaffneten Banden verf?gen diese von allem Ausgegrenzten nicht ?ber die M?glichkeiten und Mittel sich zur Wehr zu setzen. Nahezu die H?lfte der Marginalisierten sind Kinder und Jugendlichen bis 19 Jahre. Sie trifft es am h?rtesten. Die Heranwachsenden werden weder von Polizeischutz, noch von Sozialprogrammen erreicht. Allein in S?o Paulos Armenviertel Vila Jacu? fehlten im Jahr 2003 nach der Studie der katholischen Universit?t 27.000 Kindergartenpl?tze. Auf dem regul?ren Arbeitsmarkt haben sie allein auf Grund ihrer Herkunft kaum Chancen. Von den Medien und der Bev?lkerung werden sie stigmatisiert und mit den Drogenbossen und Revolverhelden in einen Topf geworfen. Die Kinder wachsen mit Drogen, Gewalt, Mord und Prostitution auf. Ohne Zugang zu guten Schulen, ohne Chancen auf eine regul?re Besch?ftigung, ist eine gro?e Zahl von Jugendlichen gef?hrdet den Verlockungen der Kriminalit?t zu erliegen. Die Drogenbosse brauchen immer Nachwuchs und versprechen das schnelle Geld, Autos, Macht und Frauen. So schlie?t sich der Teufelskreis und l?sst oft kaum einen Ausweg zu.

Text: Thomas Zeller
Ausgabe: Nummer 360 - Juni 2004