Volltext

(Artikel * 2004) Lesshaft, Hannah u. a.
Demokratischer Aufbruch in Chiapas Der zapatistische Widerstand organisiert sich in caracoles
in Lateinamerika Nachrichten Nr. 360 * Seite 35 - 37
Themen: Demokratie; Frauen; Regierung; Widerstand * Mexico * EZLN; Zapatisten; Gesundheit; caracol * Dok-Nr: 152914
Standorte: FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Mexiko
Demokratischer Aufbruch in Chiapas
Der zapatistische Widerstand organisiert sich in caracoles

Seit August vergangenen Jahres haben die autonomen Gemeinden der EZLN eine eigene Regierung gegr?ndet, die so genannte ?gute Regierung? (el buen gobierno). Diese setzt sich zusammen aus VertreterInnen aus f?nf basisdemokratischen Regierungsbezirken, den caracoles ? benannt nach der Meeresschnecke caracol (siehe Kasten). Die LN sprachen mit drei VertreterInnen der junta del buen gobierno aus Oventik, die namentlich nicht genannt werden wollen, ?ber die Organisationsform und die Hintergr?nde der zapatistischen Regierung.

Um Eure Ideen und politischen Strukturen zu verstehen, haben wir einige Fragen. K?nnt Ihr das Konzept der caracoles erkl?ren und uns den Grund f?r die Wahl dieses Symbols nennen?

Schon vor dem 9. August 2003 haben wir uns auf die Ideen unserer Vorfahren berufen und beschlossen, die aguascalientes in caracoles umzubenennen. Das caracol, die Meeresschnecke, ist ein Kommunikationsmedium, das wie ein Horn benutzt wird. Je nachdem, ob es f?r einen Notruf eingesetzt wird, oder um eine Versammlung oder ein Fest ?ber weite Entfernungen anzuk?ndigen, hat das caracol einen unterschiedlichen Klang. Auf diese Weise haben unsere Vorfahren die Meeresschnecke mit viel Verstand eingesetzt, um ?ber weite Strecken miteinander zu kommunizieren. Das caracol stellt f?r uns ein Kommunikationsmedium dar, ?ber das wir mit unserer Unterst?tzungsbasis, sowie mit anderen indigenen Organisationen aus verschiedenen Staaten Mexikos und internationalen Gruppen aus der ganzen Welt in Kontakt stehen. Diese Vernetzung ist eine der gro?en St?rken des zapatistischen Kampfes.
Das caracol bedeutet f?r uns noch weit mehr als das aguascalientes ? es ist nicht blo? eine politische Einrichtung, sondern ein Zentrum des politischen und kulturellen Austausches. Wir haben erlebt, wie viele mexikanische und internationale Nichtregierungsorganisationen ihre Solidarit?t mit dem zapatistischen Kampf erkl?ren, und so haben wir uns neu strukturiert und die caracoles als Zentren eingerichtet, mittels derer wir mit ihnen sprechen und die Arbeit und den Kampf voranbringen k?nnen.

Uns interessiert die Struktur eures demokratischen Systems. Welche verschiedenen Ebenen gibt es zwischen der Unterst?tzungsbasis und der ?guten Regierung??

Wenn wir ?ber Demokratie sprechen, m?sst ihr sehen, dass es hier zwei Arten der Demokratie gibt. Es gibt die Demokratie des Volkes und es gibt die Demokratie des mexikanischen Staates. Letztere beinhaltet, dass die Regierung vor jeder Wahl Millionen von Pesos ausgibt, um seine Demokratie zu erhalten, um massenhaft Plakate aufzuh?ngen und Medienkampagnen zu finanzieren. Wir Zapatisten auf der anderen Seite brauchen nicht einen Cent, um die Demokratie zu errichten.
Die Demokratie ist das Bewusstsein des Volkes. Die Demokratie ist auch eine Notwendigkeit. Und die Demokratie ist wichtig f?r die gesamte Menschheit. Im Zapatismus werden die Aufgaben und Verantwortlichkeiten durch die Basis an einzelne Personen ?bergeben. Aus der Basis entspringt die Demokratie. Auf Gemeindeebene (municipio) muss der Autonome Rat (consejo aut?nomo) von der Basis gew?hlt werden, und zwar von einer Vollversammlung (asamblea general), an der Frauen, M?nner und auch Jugendliche und Kinder teilnehmen. Die Regierung (junta de buen gobierno) wird dann von Mitgliedern der Autonomen R?te gestellt.

Ist es die Aufgabe eines Delegierten, eigene Entscheidungen zu treffen oder ist er nur Tr?ger der Entscheidung, die auf Basisebene gef?llt wurde?

Das h?ngt von der Angelegenheit ab. Wenn es um eine wichtige und grundlegende Entscheidung geht, kann der Delegierte nicht frei entscheiden, sondern muss seine Basis konsultieren. Aber kleine Entscheidungen f?llt die junta de buen gobierno selbst.

Wie sieht die Aufgabe eines Delegierten aus und wie lang ist die Dauer seines Amtes?

F?r die R?te des Autonomen Rates dauert eine Amtszeit drei Jahre. Nach zweieinhalb Jahren wird eine Vollversammlung einberufen, um die neuen Delegierten zu bestimmen. Sobald die Personen gew?hlt sind, beginnen sie mit der Vorbereitung. Wir sind alle Bauern, deshalb brauchen die neu Gew?hlten Zeit, um die notwendigen Dinge zu regeln. Aber die junta de buen gobierno selbst existiert ja erst seit ein paar Monaten, deshalb k?nnen wir noch nicht sagen, wie lange eine Amtszeit dauert. Das h?ngt auch von den Personen ab. Wenn die Leute sehen, dass die Delegierten ihre Entscheidungen nicht ausf?hren, setzen sie sie ab und benennen neue.

Die Emanzipation der Frauen ist ein wichtiger Teil des zapatistischen Kampfes. Gibt es Frauen in der Regierung?

Antwort der weiblichen Vertreterin: Im Moment gibt es noch keine Frauen in der Regierung. Die caracoles entstehen gerade erst und wir Frauen werden Schritt f?r Schritt unsere Arbeit aufnehmen, auch wenn die Situation f?r uns besonders schwierig ist. F?r uns Frauen ist es schwieriger als f?r die M?nner, weil wir zum Beispiel nicht allein in andere Orte gehen k?nnen, sondern immer Begleitung brauchen. Aber auch wir ?bernehmen Verantwortung. In den indigenen Gemeinden beteiligen sich Frauen am politischen Leben und ?bernehmen auch Aufgaben im Bereich der Bildung und der Gesundheit.

Welche Art der internationalen Hilfe braucht ihr am dringendsten?

Hilfe brauchen wir vor allem bei der medizinischen Versorgung. Hier in Oventik gibt es die Klinik Guadalupe, die Geld- und Sachspenden mit neun angegliederten Mikrokliniken in verschiedenen D?rfern teilt. Bevor es die caracoles gab, musste jeder Patient Behandlung und Medizin bezahlen, wovon das medizinische Personal leben konnte. Aber seit den Ver?nderungen, die auf den 10. August 2003 folgten, muss niemand mehr f?r Medikamente oder ?rztliche Behandlungen zahlen, alles ist kostenlos. Zur Zeit haben wir hier circa 50 Patienten pro Tag, die nicht kommen k?nnten, wenn wir f?r die Behandlung Geld verlangen w?rden, weil sie keines haben. Was sie haben sind Kopf- oder Bauchschmerzen. Wir brauchen auch Unterst?tzung im Bildungswesen. Die Sch?ler in Oventik kommen teilweise aus sehr abgelegenen D?rfern, und wir m?ssen sie hier unterbringen und versorgen.
Und dann gibt es noch die Vertriebenen in Polh?. Dort leben jetzt 5.333 Menschen; sie haben keine H?user und keine Nahrungsmittel. Wir kaufen schon monatlich 28 Tonnen Nahrungsmittel, aber das ergibt f?r jede Person nur f?nf Kilogramm ? monatlich!
Das sind die drei wichtigsten Punkte. Spenden f?r die Fl?chtlinge gehen direkt nach Polh?, Spenden f?r Bildung und Gesundheit werden von der Regierung verteilt, damit nicht einzelne Gemeinden bevorzugt werden.

Die autonomen Gemeinden existieren jetzt seit zehn Jahren. Wenn ihr noch zehn Jahre weiter in die Zukunft denkt, wie sieht das Leben hier aus?

Wir sp?ren diese zehn Jahre nicht direkt, wir sehen nur einen Fortschritt im Kampf. Anfangs hat die mexikanische Regierung uns geschlagen, aber sie konnten nicht alle t?ten. Jetzt bilden wir schon eigenst?ndige Bezirke (municipios aut?nomos).
Wenn ich in die Zukunft sehe, dann hat dort jeder, der hier geboren wird, schon seine eigene Gemeinde. Jeder kleine Junge und jedes kleine M?dchen w?chst in seinem municipio auf, weil seine Eltern und Geschwister daf?r gek?mpft und es errichtet haben. Sie sind nicht mehr abh?ngig von der Bundesregierung, sondern haben ihre eigene Regierung, die Regierung der Bauern selbst, der Ind?genas selbst ? sie sind es, die regieren.

Text: Hannah Lesshaft, Sabine M?ller, Serfiraz Vural
Ausgabe: Nummer 360 - Juni 2004