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(Artikel * 2002) Köhler, Stephan
Ungereimtheiten statt Folklore [Rezension des Samplers Africa Raps]
in iz3w Nr. 263 * Seite 43
Themen: Musik * Gambia; Mali; Senegal * Dok-Nr: 146604
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; VNB Barnstorf; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Ungereimtheiten statt Folklore

Im Senegal gibt es seit mehr als zehn Jahren eine breite Jugendkultur des Rap. Initialz?ndung war die Gruppe Positive Black Soul mit ihrem ersten Album ?Boul Fal?? (K?mmere dich nicht um die Meinung anderer, sondern tue das, was du selbst f?r richtig h?ltst). Als erste rappten Positive Black Soul in der Landessprache Wolof. Quasi ?ber Nacht sind sie damit im Senegal ber?hmt geworden und es wird ganz selbstverst?ndlich von der Generation ?Boul Fal?? gesprochen. Vergegenw?rtigt man sich, dass 80 % der Bev?lkerung unter 30 Jahren mit Hip-Hop aufgewachsen sind, wird der Einfluss der Raps deutlich: ?Hip-Hop ist hierzulande weit mehr als ein Style, das sieht man schon daran, wieviel Geld den gro?en Hip-Hop Bands letztes Jahr w?hrend der Wahl im Senegal f?r Auftritte auf Wahlkampfveranstaltungen geboten wurde. Eine gro?e Versuchung, jeder braucht hier Geld, aber bei den meisten Bands haben sie sich trotzdem umsonst bem?ht, denn wir haben keine Lust mehr auf den alten korrupten Schei?. Wir haben uns ?ber Jahre das erarbeitet, was ihnen [den Politikern] fehlt: Integrit?t, und die ist nicht k?uflich.? (Rapper Xuman von Pee Froiss)
Dakar gilt heute als die Hip-Hop-Metropole Westafrikas. Bands aus Mali, Gambia und dem Niger kommen in die Hauptstadt des Senegal, um ihre Tapes in kleinen Studios zu produzieren. Nach wie vor sind Kassetten die wichtigsten Tontr?ger jeglicher Verbreitung von Musik. Sie sind ?berall in den zahllosen wummernden Kassettenshops und -st?nden erh?ltlich. CDs k?nnen kaum produziert werden, was eine Vermarktung ?ber den Kontinent hinaus schwierig macht.
Der von dem Musikjournalisten und Ethnologen Jay Rutledge zusammengestellte CD-Sampler Africa Raps! bietet einen akustischen ?berblick ?ber die lebendige Hip-Hop-Szene Westafrikas. Es finden sich darauf St?cke, die im musikalischen Umgang mit Sampels und Beats zwar westlich beeinflusst sind, durch die Integration traditioneller Instrumente jedoch ganz neue Wege beschreiten. Der Sprechgesang der westafrikanischen Griot-Kultur erlebt so eine gerappte Renaissance. Die auf Africa Raps! vertretenen Musiker wollen aber nicht ins Weltmusikregal. Sie wollen als Hip-Hopper und nicht als Afrikaner anerkannt werden. In politisch brisanten Texten werden Staat und Regierung offen kritisiert, korrupte Politiker als ?Politichiens? angegriffen oder diskriminierende Erfahrungen von MigrantInnen in Europa und die Perspektivlosigkeit der Jugendlichen verarbeitet. Spannende Auseinandersetzungen ?ber Ungereimtes also statt plattem Ethnopop und ?authentischer? Folklore. Die Compilation zeichnet ein konturiertes Gegenbild zu g?ngigen Afrika-Klischees, dokumentiert die heterogene Vielfalt des afrikanischen Hip-Hop und gl?nzt durch ein informatives Begleitheft. Das kickt.
Stephan K?hler

Sampler Africa Raps! Senegal, Mali and the Gambia (2001, Trikont ? Indigo). Passend dazu das Foto-Essay von Andr? L?tzen: Generation Boul Fal?, (2001, Wunderhorn Verlag)
www.trikont.de
www.africanhiphop.com www.senerap.de