Volltext

(Artikel * 2002) Kassler, Petra
"Nicht das Meer gilt es zu trinken" Die klandestine Einwanderung über Gibraltar literarisch betrachtet
in iz3w Nr. 263 * Seite 40
Themen: Flüchtlinge; Literatur; Migration; * Dok-Nr: 146601
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; VNB Barnstorf; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Literatur

?Nicht das Meer gilt es zu trinken?
Die klandestine Einwanderung ?ber Gibraltar literarisch bearbeitet

von Petra Kassler

Du, Aufbrechender, wo du auch hingehst, ganz gleich, du kommst zur?ck. Alle NordafrikanerInnen kennen diesen Satz aus einem Volkslied des Algeriers Dahmane El-Harrachi. Seit den drastischen Visabeschr?nkungen durch das Schengener Abkommen 1990 erlebt die klandestine Einwanderung vor allem von Nord- und Westafrikanern nach Europa via Gibraltar einen dramatischen und lebensgef?hrlichen ?Boom?. Mehr als 100.000 MarokkanerInnen machen sich jedes Jahr auf die h?chst riskante Reise. Auch immer mehr Algerier- und SchwarzafrikanerInnen wollen vor den wirtschaftlich desastr?sen und/oder b?rgerkriegs?hnlichen Zust?nden in ihren L?ndern fliehen, k?nnen jedoch die H?rde am Eingang nach Europa nicht auf offiziellem Wege nehmen. So steigen sie in die (K?hl-)Container der Lastwagen, die in Tanger auf die F?hre nach Spanien warten oder in die Fischerbarken und Schlauchboote, die sogenannten ?pateras?, um die an der schmalsten Stelle nur 12 Kilometer breite Stra?e von Gibraltar zu ?berqueren. F?r viele eine Stra?e ohne Wiederkehr, zumindest nicht mehr lebendig ? was dem Volkslied eine tragische Note verleiht. Von 1997-2001 wurden ?ber 3000 Leichen an die Ufer der Meerenge gesp?lt1. Die ?pateras? erleiden Schiffbruch, k?nnen in den schwierigen Str?mungsverh?ltnissen nicht navigieren oder die Schleuser werfen ihre ?gef?hrliche Fracht? kurzerhand ?ber Bord, wenn die K?stenwache naht.
Die ?harragas? (Verbrenner), wie man die blinden Passagiere in Marokko nennt, verbrennen ihre Ausweispapiere, um nicht ganz so leicht abgeschoben werden zu k?nnen. Ihre Lebenswege sind Gegenstand der in Frankreich erschienenen Romane dreier Autoren aus Marokko: Mahi Binebine2, selbst ehemaliger Immigrant in Frankreich und eine Zeit lang illegal, Youssouf Amine Elalamy3 und Salim Jay4, der bereits etwa 20 Romane und Essays ver?ffentlicht hat, arbeiten die ?berquerung des Mittelmeeres zwischen Marokko und Spanien literarisch auf. Sie geben jenen, die vor der ?berfahrt ihre P?sse vernichtet haben, Identit?ten zur?ck, rekonstituieren sie.
In der N?he eines marokkanischen K?stendorfs liegen 12 Leichen am Strand. Szenario in Les clandestins von Elalamy. Ihre ?berfahrt ist gescheitert, tot wirft das Meer sie an den heimatlichen Strand zur?ck. Die jungen Leute wollten ihren Durst nach Leben l?schen, in einem Land, in dem alles vertrocknet; sie suchen das Wasser und sterben daran. Sie bezahlen mit dem, was in ihren Augen nicht wirklich ein Leben war. ?Ich existiere und existiere schon nicht mehr?, stellte ein Opfer vor seinem Tod fest. Die Grenzen zwischen Leben und Sterben werden unscharf, doch am Ende existieren alle noch gen?gend, um wirklich und endg?ltig zu sterben. Den Seeleuten gehen die ?seltsamen toten Fische? ins Netz, ihre Worte angeln sie heraus und weben daraus Geschichten. Elalamy stellt ein Erz?hlmosaik mit schnellem Perspektivenwechsel aus vielen kurzen und geschickt miteinander verflochtenen Kapiteln zusammen. In einem rhythmischen, lyrischen Stil sind die Stimmen von Freunden und Familien, von Schleppern und den Toten selbst zu h?ren.
Inhaltlich ?hnlich, sprachlich jedoch wesentlich leichter zug?nglich, operiert Binebine. Seine Kapitel erz?hlen Episoden aus der Vergangenheit der Protagonisten und damit von der harten Realit?t Marokkos, Algeriens und Malis, woher die kleine Gruppe stammt, die sich eines Nachts am Strand von Tanger versammelt, um die ?berfahrt zu wagen. Eine Ehefrau mit Kind will ihren in Frankreich ?verschwundenen? Ehemann suchen, ein Algerier flieht vor dem Terror in seinem Land, nachdem seine Familie ermordet wurde, ein Malier sieht nur noch diese eine Chance, seine Familie zu ern?hren. In beiden Texten steckt Kritik, Trauer und Auflehnung; sie sind grausam und humorvoll zugleich.
Salim Jays Tu ne traverseras pas le d?troit (Du wirst die Meerenge nicht ?berqueren) ist analytischer, essayistischer und dokumentarischer als die beiden anderen. Er formuliert scharfsinnige Analysen der marokkanischen und auch europ?ischen Politik und f?hrt Zwiegespr?che mit arabischen Reisenden des Mittelalters und zeitgen?ssischen Autoren. Immer wieder geht es um die Ehre der Freiheit, deren sie in Marokko verlustig gegangen sind, so dass als ?letzte Herausforderung? einer ?mythischen Freiheit? ein Teil entrissen werden soll, sei er auch ?vergiftet?. Jay erl?utert n?chtern welche pers?nlichen, sozialen und politischen Hintergr?nde die Menschen dazu treiben, ?pateras? zu besteigen, sich der ?Internationalen der Unerw?nschten? anzuschlie?en, um, im g?nstigsten Falle, spanische Elendsquartiere und 80.000 ha Gew?chsh?user als Einkehrh?fen anzusteuern.
Wichtigstes Motiv und zentrales Element dieser drei ?u?erst beeindruckenden und wirklich sehr lesenswerten Texte ist das Wasser, das Meer. Als wohltuender, lebensspendender Regen bleibt es aus; das Meer als Grenze, als Spielverderber ist immer pr?sent. Als Menschenfresser wird es gef?rchtet und verachtet, als freier ?Reisender zwischen dem Hier und dem Dort?, dessen Wellen kommen und gehen, wird es beneidet. Elalamys Figur Salah will es leertrinken, um trockenen Fu?es nach Gibraltar gehen zu k?nnen. Jeden Tag ein paar Schluck, das m?sse gehen, glaubt er. Diese Verkehrung der franz?sischen Redensart ?ce n?est pas la mer ? boire?, w?rtlich ?nicht das Meer gilt es zu trinken?, um zu sagen, alles sei doch halb so schlimm, erh?lt eine fatale Wendung. Bevor Jay seinen Text am Ende den 58 asiatischen ?clandestins? widmet, die im Jahr 2000 in Dover tot an Bord eines K?hllastwagens f?r Tomaten entdeckt worden sind, zitiert er aus einem Lied der popul?ren algerischen S?ngerin Cheikha Rimitti, der ?Grande Dame? der traditionellen Ra?-Musik: ?Beim Anblick des Schaums auf dem Meer dachten die Leute, es w?re Bier. Wenn das Meer erst betrunken ist, biete ich ihm mein Glas an. Das Schiff bewegt sich auf die See hinaus, das Flugzeug ist im Himmel verschwunden. Mein Gl?ck wurde verschluckt, von einem Fisch im Meer.?

Anmerkungen:
1 Quelle: Association amis et familles des victimes de l?immigration clandestine (AFVIC), einem Zusammenschluss der Angeh?rigen und Freunde der Opfer klandestiner Einwanderung;
www.afvic.fr.st

2 Mahi Binebine: Cannibales, Fayard, Paris 1999; 216 S.

3 Youssouf Amine Elalamy: Les Clandestins, Editions au diable vauvert, Vauvert 2001 (zuerst bei Editions Eddif, Casablanca 2000); 170 S.

4 Salim Jay: Tu ne traverseras pas le d?troit, Editions Mille et une Nuits, Paris 2001; 109 S.


Petra Kassler ist Mitarbeiterin der Gesellschaft zur F?rderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika e.V., Frankfurt a.M.