Volltext

(Artikel * 2003) Thomaß, Harry; Stratenwerth, Dinah
"Zuerst muß man die Menschen verändern" Interview mit Vertreterinnen mexikanischer Bauernorganisationen
in Lateinamerika Nachrichten Nr. 349/350 * Seite 59 - 61
Themen: Freihandelsabkommen; Landwirtschaft; NAFTA * Mexico; USA * Bauernorganisationen * Dok-Nr: 137522
Standorte: FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Mexiko
?Zuerst muss man die Menschen ver?ndern?
Interview mit VertreterInnen mexikanischer Bauernorganisationen

Ende Mai waren Felipe Arreaga, Celsa Valdovinos R?os, Rey Mancilla Flor und Rosal?a Santiago L?pez in Berlin zu Gast, um ihre Organisationen vorzustellen. Bei den Verhandlungen ?ber das ?Nationale Abkommen zum Land? waren sie nicht dabei. Die Lateinamerika Nachrichten sprachen mit ihnen ?ber ihre Schwierigkeiten, einheimischen Mais zu verkaufen angesichts der Konkurrenz von US-amerikanischem Genmais.

Ihr wohnt alle vier auf dem Land. Wie hat sich die Situation dort seit dem Inkrafttreten des Freihandelsabkommens NAFTA 1994 ver?ndert?

Mancilla Flor: Auf dem Land geht es abw?rts, weil wir im Wettbewerb nicht mithalten k?nnen.
Wenn zum Beispiel ein Bauer einer Tortiller?a Mais anbietet, lehnt diese seinen Mais ab. Die B?ckerInnen kaufen lieber Genmais. Er kommt aus den Vereinigten Staaten, ist billiger und bringt mehr Ertrag als der einheimische Mais. Au?erdem ist er weicher und l?sst sich besser verarbeiten.

Und was ist der Nachteil an diesem Genmais?

Mancilla Flor: Wenn man ihn erneut auss?t, erntet man weniger. Er h?lt nur f?r eine Saison. Den einheimischen Mais hingegen kannst du dein ganzes Leben lang auss?en. Jedes Mal, wenn du erntest, beh?ltst du Samen zur?ck und s?st sie erneut aus. Die Genmais-Saat ist sehr teuer.
Valdovinos Rios: Oft ?berreden sie einen Bauern, Genmais auszus?en. Durch die Best?ubung ?bertragen sich die ver?nderten Gene auch auf Mais, der noch nicht genmanipuliert ist. Und wie gesagt, man kann diesen Mais nur einmal auss?en. Die Bauern werden auf diese Weise von den Firmen abh?ngig, bei denen sie die Samen kaufen.

Kann man mit dem Verkauf von Mais ?berhaupt noch Geld verdienen?

Santiago L?pez: Die Preise verfallen. Zudem wird viel Werbung f?r chemische Produkte gemacht, die bei der landwirtschaftlichen Produktion n?tzlich sein sollen. Sie sind inzwischen auch notwendig, weil die B?den schon so ausgelaugt sind.
Allein um etwas f?r den Eigenbedarf zu ernten, muss man also schon einiges investieren. Die Leute ?berlegen sich daher, ob es sich ?berhaupt noch lohnt, Landwirtschaft zu betreiben. Viele gehen lieber weg vom Land. Sie suchen sich eine andere Arbeit und kaufen sich ihr Essen.

Wohin gehen sie?

Arreaga: Die meisten gehen in die USA, die anderen in die St?dte. In vielen F?llen gehen die Kinder arbeiten und lassen ihre Eltern zur?ck, weil die in der Stadt erst recht nichts finden w?rden. Die Kinder kehren aber oft nicht zur?ck und vergessen ihre Eltern.
Mancilla Flor: Aus manchen D?rfern gehen vierzig bis f?nfzig Prozent der BewohnerInnen. Sie haben keine andere Wahl. Es lohnt sich einfach nicht mehr, Land zu bewirtschaften. Durch die neue Stufe von NAFTA werden immer mehr Menschen emigrieren. Ich denke, genau das ist das Ziel der Politiker. Das war die Idee von Salinas de Gotari (siehe vorangegangener Artikel). Du bekommst deine Landtitel, und dann geht die Geschichte von vorne los: Das Land f?llt in die H?nde einiger Weniger, die ArbeiterInnen anstellen und mehr produzieren. Es ist sehr leicht, sein Land zu verkaufen. Die Leute, die emigrieren, verkaufen ihr Land. Sie lieben es nicht mehr, wollen nicht mehr s?en, nicht mehr damit arbeiten, sondern es nur noch vergessen, weil es ihnen an allem fehlt: an Essen, an Transportm?glichkeiten, an Strom. Das ist traurig.

Wollt ihr, dass der Artikel 27 wieder eingef?hrt wird, also das kommunaler Landbesitz (ejidos) wieder unverk?uflich wird?

Arreaga: Ja, damit die Bauern, die das Land bearbeiten, wieder unabh?ngiger sind vom Markt. Um das zu erreichen, m?ssen wir k?mpfen, M?rsche machen, laut sein, versuchen uns Geh?r zu verschaffen. Die Leute sind jetzt besser organisiert. Unsere Organisation zum Beispiel hat sich dem Schutz der Umwelt verschrieben. Sie k?mpft f?r den Erhalt des Waldes, aber auch f?r sauberes Wasser. Auf lange Sicht gesehen ist es auch ein Kampf gegen den Staat beziehungsweise gegen die zwei oder drei Leute, die in einer Region die Macht ?ber all die ejidos haben. Es gibt sehr viel Repression auf dem Land.
Mancilla Flor: Unsere Organisation DERGHO versucht, den einfachen Leuten auf dem Land die Bedeutung und den Einfluss von Freihandelsabkommen f?r ihr Leben zu vermitteln. Sie werden ja sonst nie ?ber etwas informiert. Wir gehen zu den Leuten auf dem Land und erkl?ren ihnen, was das nordamerikanische Freihandelsabkommen f?r sie bedeutet. Wir gehen auch in die St?dte, um die Menschen dort zu erreichen.

Habt ihr damit Erfolg?

Mancilla Flor: Die meisten sind mehr damit besch?ftigt, sich ?berhaupt zu ern?hren ?nach dem Motto ?Ist mir egal, erst einmal habe ich Hunger?. Aber sie m?ssen sich dar?ber klar werden, dass diese Entwicklungen zwischen Mexiko und den USA ihren Hunger nur verst?rken werden. Andere fangen aber schon an, nach Informationen zu fragen. Wir wollen von unten Informationen verbreiten, uns dann organisieren und an gr??eren M?rschen zum Beispiel in Mexiko-Stadt teilnehmen.

Hofft ihr auf einen Regierungswechsel oder habt ihr das Gef?hl, das jede Regierung die l?ndlichen Gebiete vergisst?

Mancilla Flor: Also mit Fox wird das schwierig. Wenn man die Menschen auf dem Land fragt, so sagen viele, dass sie hoffen, dass L?pez Obrador, der derzeitige B?rgermeister von Mexiko Stadt, 2006 die Wahlen gewinnt.
Aber um wirklich etwas zu ver?ndern, muss man zuerst die Menschen ver?ndern, damit sie sich mehr f?r das Allgemeinwohl verantwortlich f?hlen. Denn wenn es so weitergeht, mit irgendwelchen Regierungsprogrammen, dann vereinigen sich nur die Leute, die bei den Programmen mitarbeiten, und diese Programme sind vielleicht noch nicht einmal besonders gut.
Arreaga: Ich habe ?berhaupt kein Vertrauen in Regierungen. Das Wichtigste ist, dass wir uns organisieren und, wie Subcomandante Marcos sagt, gehorchend befehlen. Wir sind schon so lange so arm, die Mexikaner haben die Nase voll davon, und immer gibt es neue Reden, neue Programme. Es gibt bessere und schlechtere Regierungen, aber ich glaube nur an die Mexikaner selbst, die ihr Leben ver?ndern, nicht an irgendetwas anderes.

Das klingt nach Zapatisten.

Arreaga: Mir gefallen die Zapatisten. Aber ich mag es nicht, dass sie Waffen benutzen. An Parteien glaube ich nicht, auch nicht, dass es einen Wechsel geben wird. Denn die eigentliche Macht haben die Nordamerikaner.

Ist es nicht schwierig von der Zivilgesellschaft auf der einen und den Parteien auf der anderen Seite zu reden, denn die PRI ist eine Riesenpartei mit vielen Mitgliedern? Wie ist denn die Arbeit mit priistischen Organisationen wie CNP und CAP?

Arreaga: Die Parteien sagen: ?Du gibst mir deine Stimme, und ich gebe dir daf?r eine Kuh.? Das ist ihre Art der Kontrolle. Und wir k?mpfen gegen sie und diese Kontrolle, die sie durch Geld aus?ben. Diejenigen, die auf der kommunalen Ebene Stimmen kaufen, werden von der regionalen und der f?deralen Regierung gest?tzt. Das ist das System.
Mancilla Flor: Einer der Repr?sentanten, mit dem wir arbeiteten, war bei einer Nichtregierungsorganisation, und dann war er pl?tzlich bei der PRI. Sie kaufen dich einfach. Das macht mich w?tend. Erst verteidigt ein Repr?sentant uns Bauern und dann wechselt er die Seite ? nur wegen ein bisschen mehr Geld und Bequemlichkeit. So geht jede Gemeinschaft kaputt.


Organizaci?n Ecologista de la Sierra de Petatl?n y Coyuca de Catal?n, Guerrero
(Umweltorganisation der Sierra de Petatl?n und Coyuca de Catal?n)
Zu der Selbsthilfeorganisation der ?kobauern und -b?uerinnen geh?ren die BewohnerInnen von 28 D?rfern der Coyuquilla-T?ler und des Petatl?n-Tales in der Region Costa Grande n?rdlich von Acapulco. In dieser Region findet seit Jahren ein erbitterter Kampf der Bauern und B?uerinnen gegen den fl?chendeckenden Holzeinschlag statt, dem in den letzten acht Jahren rund 40 Prozent der W?lder in dieser Region zum Opfer fielen. Die Ziele der ?kobauern und -b?uerinnen sind die Erhaltung der nat?rlichen Umwelt, der Schutz der Biodiversit?t und die F?rderung einer nachhaltigen Entwicklung. Die Umweltorganisation der Sierra de Petatl?n und Coyuca de Catal?n bewacht 3000 Hektar wiederaufgeforsteten Wald, um Waldbr?nde zu verhindern. Ebenso f?hrt sie Projekte zur Erhaltung der B?den und zur Wiederaufforstung durch.
Vertreter/in: Felipe Arreaga und Celsa Valdovinos R?os

Desarrollo Rural de Hidalgo A.C. (DERHGO), Hidalgo (L?ndliche Entwicklung von Hidalgo)
DERHGO wurde 1978 in Tulancingo/Hidalgo mit dem Ziel gegr?ndet, die Lebensbedingungen der kleinb?uerlichen indigenen und nicht-indigenen Bev?lkerung der Region durch Hilfe zur Selbsthilfe zu verbessern. Ansatzpunkt ist das Recht auf (gesunde) Ern?hrung. DERHGO unterst?tzt die B?uerinnen und Bauern durch Seminare und Beratung, unter anderem zu Bew?sserung, Viehwirtschaft, Vermarktung von Milchprodukten, Wiederaufforstung und Infrastrukturverbesserung. Gemeinsam mit drei weiteren Organisationen hilft DERHGO den B?uerinnen und Bauern bei der Aussaat, Verarbeitung und Vermarktung des w?hrend der spanischen Kolonialzeit verbotenen, hoch n?hrstoffhaltigen Amaranth. Aufgrund zahlreicher Verletzungen der b?rgerlich-politischen Menschenrechte in der Region gr?ndete sich 1990 als Nebenarm von DERHGO das Comit? Sergio M?ndez Arceo, Pro Derechos Humanos de Tulancingo, A.C.. Es betreut die Opfer solcher gewaltt?tigen ?bergriffe und bietet Kurse und Seminare zum Thema Menschenrechte an.
Vertreter: Rey Mancilla Flor

Uni?n de Pueblos Chochomixtecos, Oaxaca (Union der V?lker der Chochomixtecos)
Die Organisation gr?ndete sich offiziell 1991, hat aber ihre Wurzeln in interkommunit?ren Versammlungen von TeilnehmerInnen des von der Organisation Enlace Rural A.C. eingef?hrten Programms ?Sobrevivencia campesina? (b?uerliches ?berleben). Mittels der ?campesino a campesino? Methode (Erfahrungsaustausch der Bauern und B?uerinnen untereinander) arbeitet die Organisation daran, die Techniken nachhaltiger Landwirtschaft unter den indigenen Kleinbauern und -b?uerinnen zu verbreiten. Zudem versucht sie die sozio?konomischen Bedingungen vor allem in den Bereichen Ern?hrung, Gesundheit und Ausbildung, der indigenen Bev?lkerung in der Region Mixteca Alta zu verbessern.
Vertreterin: Rosal?a Santiago L?pez

Text: Dinah Stratenwerth, Harry Thoma?
Ausgabe: Nummer 349/350 - Juli/August 2003