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(Artikel * 2004) Rodriguez, Elisa
Chilenische Sümpfe Ein Kinderporno-Skandal zieht immer weitere Kreise
in Lateinamerika Nachrichten Nr. 357 * Seite 27 - 28
Themen: Prostitution; Strassenkinder * Chile * Kinderprostitution; UDI; Menschenrechtsverletzung * Dok-Nr: 137360
Standorte: FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Chile
Chilenische S?mpfe
Ein Kinderporno-Skandal zieht immer weitere Kreise

Zun?chst war da ein Unternehmer, der Kopf einer Organisation war, die Kinder missbrauchte und Pornos mit ihnen drehte. Dann kam eine politische Anschuldigung: Drei Abgeordnete sollten in den Fall verwickelt sein, zwei davon von der rechten UDI-Partei. Die sieht sich nun einer Verschw?rung ausgesetzt. Bei der juristischen Schlacht, die immer tiefer im Sumpf von L?gen und Manipulation zu versinken scheint, geraten die Opfer in Vergessenheit.

Ende September 2003 wurden der 55-j?hrige chilenische Gesch?ftsmann Claudio Spiniak Vilensky sowie weitere Personen aus seinem Umfeld festgenommen, weil sie regelm??ig Kinder missbraucht hatten. Spiniak ist der Kopf eines Netzwerkes, das Kinder zur Prostitution zwingt. Der Fall erregte gro?e ?ffentliche Emp?rung. Zum Politikum wurde er, als die Abgeordnete der Partei Nationale Erneuerung (RN), Pia Guzman, drei Abgeordnete ? zwei von der rechten Allianz f?r Chile und einen Christdemokraten ? beschuldigte, in das Verbrechen verwickelt zu sein.
Seit die Polizei Spiniaks Organisation zerschlagen hat, kommen immer mehr Informationen an die ?ffentlichkeit, die darauf hinweisen, dass Spiniak und seine Anh?nger die Polizei unter Druck setzten um nicht belangt zu werden. Bereits im Februar 2002 floh ein M?dchen aus dem so genannten ?Spiniak-Haus? in dem reichen Santiagoer Stadtviertel Las Condes und zeigte ein Mitglied der Bande wegen versuchter Vergewaltigung an. Aber es geschah nichts.
Einmal w?re Spiniak schon fast vor Gericht gekommen: Im Dezember 2002 nahm ihn die Polizei wegen Drogen- und Waffenbesitzes sowie wegen einer gro?en Sammlung an pornographischem Material, auf dem auch Minderj?hrige auftauchten, fest. Im Juni letzten Jahres kam er allerdings nach einer Zahlung von zehn Millionen Pesos wieder frei. Obwohl eine Strafrichterin zu eben diesem Zeitpunkt einen Prozess wegen Kindesmissbrauch gegen Spiniak er?ffnen wollte. Sie erreichte schlie?lich im September seine erneute Festnahme.

Stra?enkinder als Opfer
Bei den Opfern handelt es sich um Stra?enkinder, die mit Geld und einem warmen Essen in das Haus gelockt worden waren. Sie berichteten von regelrechten Orgien im Spiniak-Haus. Dort wurden sie mit Alkohol und Drogen vollgepumpt und mussten den W?nschen Spiniaks und seiner Freunde, meist einflussreiche Gesch?ftsleute, entsprechen. Die grausamen Misshandlungen, die die M?nner an den Kindern vollzogen, wurden fotografiert oder gefilmt. Nach Aussage der Kinder sind auch einige von ihnen verschwunden.
Doch die Opfer gerieten schnell aus dem ?ffentlichen Blickfeld, als Pia Guzman zwei Parlamentarier beschuldigte, das Spiniak-Haus besucht zu haben. Besonders die Demokratische Unabh?ngige Union (UDI), B?ndnispartnerin von Guzmans Partei Nationale Erneuerung (RN) in dem B?ndnis Allianz f?r Chile sprach sofort von Verleumdung und zeigte die Parlamentarierin an.
Die UDI sieht sich als Opfer einer Verschw?rung, in die nicht nur ihr B?ndnispartner, sondern auch linke Medien, JournalistInnen und Abgeordnete verwickelt sind. Ihrer Meinung nach soll die ?Schmutzkampagne? ihren Pr?sidentschaftskandidaten f?r 2005, Joaquin Lavin, schlecht machen. Schlie?lich habe Guzman es bei Andeutungen belassen und keine Namen genannt. Diese Haltung sei verantwortungslos, hie? es nicht nur aus den Reihen der UDI, und sie solle Klartext reden, um die Schlammschlacht nicht noch zu vergr??ern.
Da war die Ger?chtek?che aber schon am Brodeln: Zwei Senatoren der UDI, Carlos Bombal und Jovino Novoa, sollen im Spiniak-Haus ein- und ausgegangen sein. Im Oktober 2003 wurde der Richter Daniel Calvo vom Berufungsgericht beauftragt, sich des Falles anzunehmen.

Der Fall Calvo
W?hrend Calvo den Fall bearbeitete, versuchte die UDI weiter, die minderj?hrigen Zeugen zu diskreditieren. Unterst?tzung erhielt die Partei dabei von den konservativen Medien des Landes, allen voran der Tageszeitung Mercurio und dem Medienkonzern COPESA, der mehrere Zeitungen und Zeitschriften herausgibt.
Am 5. November 2003 nahm der Fall eine ?berraschende Wendung: Calvo, verheiratet und Vater von f?nf Kindern, erkl?rte, er wolle seinen Posten aufgeben. Er sei in einer Schwulensauna gewesen sei und nun das Opfer einer Erpressung. Zwei Tage sp?ter setzte das Oberste Gericht statt seiner Sergio Mu?oz ein, der noch immer die Verhandlungen f?hrt.
Die Beichte des Richters hat eine Vorgeschichte: Die liberale Zeitschrift Plan B und der Nachrichtensender Chilevision hatten zun?chst die Aussage des Saunabesitzers Sebasti?n Rodr?guez ver?ffentlicht, der Calvo als regelm??igen Kunden bezeichnete.
Der Saunabesitzer filmte dann mit einer versteckten Kamera ein Gespr?ch mit Calvo, bei dem dieser zugab, ?moralisch? f?r seinen Fall nicht geeignet zu sein. Chilevision strahlte diese Aussage ohne Authorisierung des Richters aus.
Der Saunabetreiber Rodriguez gab an, aus moralischen Gr?nden gehandelt zu haben, da er f?nde, ein Mensch wie Spiniak k?nne nicht einen so delikaten Fall betreuen, weil er erpressbar sei. Calvo wiederum verklagte den Fernsehsender wegen Verletzung seiner Privatsph?re, sah sich jedoch zu dem Eingest?ndnis gezwungen.

Prozesswust statt Klarheit
Die UDI glaubte indes beim Beweis ihrer Verschw?rungstheorien Fortschritte vorweisen zu k?nnen: Ein minderj?hriger Zeuge, der mehrmals im Fernsehen ausgesagt hatte, einen UDI-Senator im Spiniak-Haus gesehen zu haben, bezeugte vor Gericht von einem Abgeordneten des Regierungsb?ndnisses Concertacion f?r diese Aussage ein Paar Schuhe erhalten zu haben.
Momentan laufen vier Prozesse, die mit dem Kinderporno-Ring zu tun haben: Im Spiniak-Fall ermittelt Sergio Mu?oz gegen den Unternehmer und die anderen Besucher des Spiniak-Hauses. Der Calvo-Prozess versucht zu kl?ren, ob die Grundrechte des Richters durch den Fernsehsender Chilevision verletzt wurden. Eine weitere Richterin besch?ftigt sich mit der Frage, ob der Zeuge, der die UDI-Senatoren beschuldigte, die Wahrheit sagte. Und schlie?lich l?uft noch der Prozess wegen Verleumdung gegen Pia Guzman, die das Ganze ins Rollen brachte.
W?hrend der gesamten vier Monate wurde vor lauter Klagen, Gegenklagen und angeblicher Verleumdungen der eigentliche Punkt des Skandals immer wieder in den Hintergrund gedr?ngt: Der Prozess gegen einen Kinderporno-Ring und das Schicksal der Opfer. Wie sc hon w?hrend der Milit?rdiktatur wird die Wahrheit ?ber die Verletzung von Menschenrechten unter einem Berg von L?gen begraben.

?bersetzung: D. Stratenwerth

Text: Elias Rodriguez
Ausgabe: Nummer 357 - M?rz 2004