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(Artikel * 2004) Ling, Martin
"Ich bete für den Papst und für Fidel" Kuba im 45. Jahr der Revolution: mit jeder neuen Generation wachsen die Ansrüche an das sozialistische System
in Lateinamerika Nachrichten Nr. 356 * Seite 26 - 28
Themen: Alltag; Frauen; Prostitution * Cuba * Hip Hop; Lebensbedingungen; Revolution; Ernährung * Dok-Nr: 137257
Standorte: FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Kuba
?Ich bete f?r den Papst und f?r Fidel?
Kuba im 45. Jahr der Revolution: Mit jeder neuen Generation wachsen die Anspr?che an das sozialistische System

Manchen gilt das sozialistische Kuba, das am Neujahrstag den 45. Jahrestag seiner Revolution beging, als Anachronismus ? so wie die ungez?hlten, ?ber die Karibikinsel kurvenden US-amerikanischen Stra?enkreuzer aus vorrevolution?ren Zeiten. Intakt sind beide mehr oder weniger. Das Prinzip hei?t T?ftelei im und am System. Mit abnehmendem Alter der Bev?lkerung wachsen indes die Anspr?che, denen die kubanische Regierung allen Bem?hungen zum Trotz nur schwer gerecht werden kann.

Die Presslufth?mmer hinterlassen Wirkung. Nur wenige Menschen flanieren derzeit tags?ber den Malec?n entlang. Die legend?re Hafenpromenade Havannas wird wieder einmal ?berholt. Nach Einbruch der Dunkelheit wandelt sich das Bild freilich. Die magische Anziehungskraft von Meereshorizont und Kaimauer zieht die Nachtschw?rmer an ? neben TouristInnen sind es vor allem turtelnde einheimische P?rchen, die die laue Nachtluft genie?en. Die Zukunft der kubanischen Revolution treibt sie weniger um ? und doch werden sie bald die Verantwortung daf?r tragen, ob sie wollen oder nicht.

Auf alle F?lle: Dollarklamotten
Die hervorstechende st?dtische Jugendbewegung in den letzten Jahren ist die Hip-Hop-Szene. In Havanna trifft man Hip-Hopper in jedem Stadtteil und meist als Kleingruppe um die H?user ziehend. Erkennbar sind sie leicht, schlie?lich ist ihr Kleidungsstil global, ob in New York, Berlin oder Havanna: Kopft?cher in Piratenmanier oder Baseball-Kappen, weit geschnittene Jeans, so genannte baggy pants, oder Drei-Viertel-Hosen. Und nicht zu vergessen: Sweat- oder T-Shirts mit markigen USA-Emblemen oder Spr?chen. Auf alle F?lle: Dollarklamotten. Obwohl Dollars knapp sind, wie jeder Kubaner und jeder Hip-Hopper in nahezu jedem Gespr?ch betont.
Der Rap-S?nger Arturo aus Havannas Trabantenvorstadt Alamar kl?rt den Widerspruch auf: ?Wir sind, wie wir sind, wir geben alles f?r unsere Klamotten?. Auf die Revolution gibt Arturo hingegen nichts. ?ber 40 Jahre Fidel sind genug. ?Wir brauchen einen radikalen Wandel.? Den fordern auch die Dissidenten, doch mit denen will Arturo nicht in einen Topf geworfen werden. ?Die Dissidenten interessieren sich nicht f?r den Alltag der Bev?lkerung, und die Bev?lkerung interessiert sich nicht f?r die Dissidenten?, distanziert er sich kategorisch. Dissident zu sein, sei eine M?glichkeit an Dollars zu kommen, vermutet Arturo ohnehin eher ein materielles denn ein ideelles Motiv im Tun der Regierungskritiker. Ob er denn wirklich glaube, dass der Kapitalismus f?r ein Dritte-Welt-Land wie Kuba die bessere Alternative sei, ungeachtet der Erfahrungen anderer Entwicklungsl?nder? Klar, schlechter k?nne es nicht mehr werden.
Diese extreme Position ist selbst in der sozialkritischen Hip-Hop-Szene nicht weit verbreitet. Kapitalismus oder Sozialismus ist nicht die reale Frage. Die Texte der raperos handeln vom beschwerlichen Alltag. Nicht zuf?llig nahm die Hip-Hop-Bewegung ihren Aufschwung w?hrend der per?odo especial, der seit 1989 w?hrenden Sonderperiode. Durch eine Art Kriegswirtschaft in Friedenszeiten versuchte und versucht die kubanische Regierung den Ausfall des Rates f?r Gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) auszugleichen. Damit konnte zwar der harte Fall des Lebensstandards abgebremst werden, viel mehr aber auch nicht. Immerhin gelang es, die sozialen Kosten der Krise halbwegs gleichm??ig zu verteilen. Damit einher ging eine kontrollierte ?ffnung nach au?en, denn das Land brauchte unweigerlich neue Devisenquellen. Der Ausbau des Tourismus und das Werben um ausl?ndische Investitionen in Form von Gemeinschaftsunternehmen sind die Grundpfeiler dieser Wirtschaftsstrategie.
Und vor allem: Am 26.Juli 1993, dem 40. Jahrestag des Sturms auf die Moncada-Kaserne, wurde der Dollar als Zweitw?hrung legalisiert. Ein von Fidel Castro offen als Notma?nahme deklarierter Schritt: ?Das Leben und die Wirklichkeit veranlassen uns, Dinge zu tun, die wir sonst niemals getan h?tten... Das ist kaum der Sozialismus, den wir wollen.? Mit dieser Ma?nahme wurde eine Devisenquelle von kaum zu ?bersch?tzender Bedeutung erschlossen: die so genannten remesas, Geld?berweisungen von Verwandten aus dem Ausland ? inzwischen mit ?ber einer Milliarde US-Dollar j?hrlich die gr??te Deviseneinnahmequelle des Landes, knapp vor dem Tourismus.
Auch wenn nicht zuletzt durch die Dollar-Legalisierung der H?hepunkt der Krise von 1993/1994 ?berwunden wurde, sind die Lebensbedingungen alles andere als einfach. Die meisten Hip-Hopper sind in den Zeiten der Sonderperiode gro? geworden. Kein Wunder, dass sie sich in ihren Songs vor allem mit den schwierigen Lebensbedingungen auseinander setzen.
Der Rap-S?ngerin Maygorie sind die verschlechterten Bedingungen f?r Frauen und M?dchen ein Dorn im Auge. Sie selber habe Gl?ck, eine eigene Wohnung, und sie sei nicht auf Prostitution angewiesen. Doch sie kenne viele junge M?dchen und Frauen, die zur Prostitution gezwungen seien, um sich und ihre Kinder durchzubringen. Vor allem ?ltere Touristen aus Europa und Nordamerika n?tzten die Not von Kubanerinnen aus. Obwohl viele von ihnen in ihren Heimatl?ndern bestimmt selbst Familie h?tten, kritisiert Maygorie das Verhalten mancher Dollartouristen. Sie selbst h?lt sich mit kleineren Gesch?ften auf der Stra?e ?ber Wasser, mehr als die umgerechnet paar Dollars in einem Peso-Job kommt da allemal zusammen. ?F?r Pesos w?rde ich nie arbeiten?, sagt sie. Vollzeit f?r fast nichts komme f?r sie nicht in Frage. Staatliche Repressalien scheint sie wegen ihrer Arbeitsverweigerungshaltung nicht zu f?rchten.

Mit Pesos ist kein Staat zu machen
Wer nicht arbeitet, hat viel Freizeit. Und um eine Party zu machen, braucht es nicht viel. Eine Flasche wei?en Rum f?r zwei, drei Dollar, kollektiv gekauft und kollektiv getrunken. Selbstverst?ndlich werden die ersten Tropfen den G?ttern geschenkt ? ein paar Spritzer auf den Boden sind Pflicht, bevor man sich selbst die Plastikbecher voll gie?t, ob in der Kneipe, an der Ecke oder beim Rap-Konzert.
Wer in einem Peso-Job arbeitet, hat wenig Freizeit und wenig Geld. Wie der Afrokubaner Frances. Hip-Hop-Klamotten kann sich der Bauarbeiter nicht leisten. Dabei ist auch der Mittzwanziger ein begeisterter Rapper, was er mit einem Solo auf der Baustelle unter Beweis stellt. Frances kann sich nicht mal vern?nftige Schuhe leisten. Oft genug bekommt er auf der Baustelle nasse F??e in seinen abgewrackten Turnschuhen. Frances steht dem System kritisch gegen?ber. Nicht ideologisch, sondern praktisch. ?Ich will einfach einen ad?quaten Lohn f?r meine Arbeit, Sozialismus oder Kapitalismus hin oder her.? 150 Peso erh?lt er im Monat, knapp sechs US-Dollar beim derzeitigen Wechselkurs von 27 Peso f?r einen US-Dollar. Davon kann mensch in der Stadt kaum ?berleben. Sicher: Jeder Kubaner erh?lt dank der so genannten Libreta kostenlos Grundnahrungsmittel wie Reis und Bohnen und, wenn vorhanden, auch Seife und einiges andere zugeteilt. Mehr als zwei Wochen kommt man damit aber nicht ?ber die Runden, gilt als Faustregel.
Um die Anfang der neunziger Jahre extrem prek?re Ern?hrungssituation zu verbessern, wurde 1993 ein Gro?teil der agrarischen Staatsbetriebe in so genannte UBPC (Basiseinheiten der genossenschaftlichen Produktion) umgewandelt. Per Gesetz wurde Kleinkooperativen Land zur privaten Nutzung ?bereignet, um den Anbau zu diversifizieren. Allerdings m?ssen die Produkte fast ausschlie?lich an den Staat verkauft werden.
Der weit lukrativere Verkauf auf den Bauernm?rkten ist nur eingeschr?nkt m?glich. Die 1986 verbotenen Bauernm?rkte wurden erst im Herbst 1994 wieder zugelassen. Nicht aus ?berzeugung, sondern aus der Not, wie die Begr?ndung von Armeechef Ra?l Castro verdeutlichte: ?Das wichtigste politische, milit?rische und ideologische Problem unseres Landes ist jetzt die Suche nach dem Essen.? Auch wenn die Suche nach dem Dollar inzwischen die Suche nach dem Essen abgel?st hat, sind viele Nahrungsmittel f?r viele Kubaner Luxus.
Fr?her, vor 1989, gab es alles, schwelgt Frances in Erinnerungen an seine Kindheit. Seit dem Tod seiner Mutter ist er auf sich alleine gestellt. Fleisch oder K?se k?nne er sich nicht leisten. 37 Peso kostet rund ein Pfund (460 Gramm) Schweinesteak, 20 Peso ein Pfund K?se. Selbst Tomaten kosten f?nf Peso. Richtig billig ist fast nur Yucca, das als Kartoffelersatz tauglich ist. Bei Kubanern, die wie Frances keine nennenswerten Dollarquellen haben, ist Schmalhans K?chenmeister. Die Loyalit?t zur kubanischen Revolution erh?ht das nicht.

Systemloyalit?t ist eine Generationenfrage
F?r Miguel, den baumlangen Rastafari, ist die Frage der Loyalit?t zur Revolution vor allem eine Generationenfrage. Er selbst als Mittdrei?iger verschwende keinen Gedanken an Ausreise wie so viele junge Kubaner. Miguel, von allen nur Kiki genannt, arbeitet als selbst?ndiger Fleischverk?ufer auf einem Bauernmarkt in Havanna. ?Ich mag den Markt, das Kommunizieren mit den Menschen, und ich bin mein eigener Herr.? Wie viel er verdiene? Das komme drauf an. Manchmal sei es weniger als die zu zahlende Pauschalsteuer f?r Selbst?ndige. Wie das geht? Es geht irgendwie, lacht Kiki. Missmutige KubanerInnen zu treffen ist ohnehin ein Ding der Unm?glichkeit ? allen Widrigkeiten des Alltags zum Trotz.
Die Jungen nehmen die Errungenschaften der Revolution, Bildung und Gesundheit, f?r selbstverst?ndlich, meint Kiki. Seiner Generation sei in der Schule noch vermittelt worden, dass das alles andere als selbstverst?ndlich sei. Die n?chste Generation, meint er, werde dar?ber entscheiden, ob die kubanische Revolution Zukunft habe.
In der Tat scheint die Zustimmung zur Revolution eng an die Zugeh?rigkeit zu einer bestimmten Generation gekn?pft zu sein. Die Mittsechzigerin Yolanda macht aus ihrer Sympathie f?r Fidel Castro keinen Hehl. Die gl?ubige Katholikin betet jeden Tag f?r den Papst und f?r Fidel. ?Ich musste noch jeden Tag ?ber zehn Kilometer zu Fu? zur Schule gehen, meine Neffen und Nichten haben alle studiert?, bringt sie die Fortschritte im Bildungssystem auf einen famili?ren Nenner. ?Das haben wir Fidel zu verdanken?, ist sie ?berzeugt. Doch der US-Dollar macht Fidel mehr und mehr Konkurrenz. Viele kubanische Kinder kennen angeblich nur einen Berufswunsch: Tourist.

Text: Marting Ling
Ausgabe: Nummer 356 - Februar 2004