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(Artikel * 2001) Ott, Sabine
Eine schmierige Angelegenheit Der Streit um Öl und Gas im Kaukasus Streit um Öl und Gas im Kaukasus
in iz3w Nr. 256 * Seite 27 - 28
Themen: Kaukasus; Öl; Gas * Dok-Nr: 134348
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; VNB Barnstorf; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Rohstoffe

Eine schmierige Angelegenheit
Der Streit um ?l und Gas im Kaukasus

Wenn im Kontext der Globalisierung vom R?ckzug des Staates die Rede ist, ist damit h?ufig der ?konomische Einfluss gemeint. Multinationale Konzerne agieren, so die These, relativ unabh?ngig auf den M?rkten der Welt. Am Beispiel der Auseinandersetzungen um Roh?l am Kaspischen Meer zeigt sich jedoch, wie verwoben die Interessenslagen sind. Nach wie vor sichern sich Staaten den Zugriff auf Rohstoffe und deren Transportwege ? im eigenen Interesse oder den ?ihrer? Konzerne.


von Sabine Ott

Ein Forschungsschiff der britischen ?lgesellschaft BP musste Ende Juli seine Arbeiten im S?den des Kaspischen Meeres vorzeitig einstellen, als dort iranische Schiffe und Flugzeuge aufkreuzten. Die ?lgesellschaft zog sich sofort aus dem Gebiet um die drei Erd?llager Araz, Alov und Schark zur?ck, und nach verbalen Drohungen einigten sich auch die Regierungen von Aserbaischan und Iran darauf, nach einer diplomatischen L?sung zu suchen. Grund der Vorkommnisse: Der Status des Kaspischen Meeres und damit die Verteilung der Erd?l- und Erdgaslager. Denn je nach Definition ? ob Meer oder See ? beziehungsweise je nach Bezugnahme auf verschiedene Vertr?ge, die noch zu SU-Zeiten abgeschlossen wurden, liegen die drei genannten Erd?lfelder entweder in- oder au?erhalb iranischen Territoriums. Hinzu kommt, dass die bisher entdeckten reichen ?l- und Gasreserven des Kaspischen Meeres vor den K?sten Kasachstans, Aserbaidschans und Turkmenistans liegen, w?hrend der Iran ?ber keine k?stennahen Lager verf?gt. Deshalb besteht die iranische Regierung darauf, dass das Kaspischen Meer zu gleichen Anteilen unter den f?nf Anrainerstaaten aufgeteilt wird.
Die Ereignisse verdeutlichen, wie verbissen sowohl die Staaten der Region als auch die beteiligten Konzerne um den Rohstoff k?mpfen. Die Aussicht auf viel Geld und Einfluss in der Region wie auch auf dem Weltmarkt locken zudem Regional- wie Weltm?chte auf den Plan. Die vorgebrachten Legitimationen ihres Engagements stehen sich dabei in vielen Punkten entgegen: Russland betrachtet den Kaukasus und Zentralasien noch immer als sein Hinterland; die USA wollen dazu ein Gegengewicht bilden; ebenso China, das durch eine gro?e Pipeline aus Kasachstan einen Teil seines Energiebedarfs sichert und zum Konkurrenten Russlands und der USA avanciert. Die einflussreichsten Regionalm?chte sind die T?rkei und Iran, wobei die T?rkei selbst ?ber keine ?l- und Erdgasvorkommen verf?gt und sich daher bem?ht, sowohl ihren eigenen Energiebedarf zu decken als auch als Transitland zum regional player zu werden. Die ?lmultis schlie?lich ziehen meist als Boten ihrer Regierungen in die Region. Von diesen werden sie unterst?tzt und gesch?tzt.

Anlieger frei
Allerdings ist auch dieses Verh?ltnis nicht frei von Widerspr?chen: Manche US-amerikanische ?lgesellschaften wenden sich gegen die Iranpolitik ihrer Regierung, anderen, die in Russland t?tig sind, liegt an einer entspannten Beziehung zwischen den USA und Russland. Auch viele russische ?lmultis wenden sich gegen das Ansinnen ihrer Regierung, den Status des Kaspischen Meeres infrage zu stellen. Dies behindert nur ihre Gesch?fte. Das Verh?ltnis der beteiligten Staaten untereinander ist widerspr?chlich. Zu verflochten sind ihre Interessen, um etwa von Blockbildungen zu sprechen. Ver?nderungen an einem Punkt ? seien sie politisch oder wirtschaftlich ? wirken sich auf die gesamte Konstellation aus.
Die Auseinandersetzungen um den Rohstoff ?l verlaufen dabei heute kaum anders als zu Zeiten des Kalten Krieges. Die Anliegerstaaten versuchen jeweils ihre Anspr?che geltend zu machen und die beteiligten multinationalen Konzerne erhalten R?ckendeckung durch ?ihre? nationalen Regierungen. In der Region um das Kaspische Meer vermischen sich dar?ber hinaus ?konomische Interessenkonflikte mit Rivalit?ten um politischen Einfluss sowie religi?s und ethnisch begr?ndete Auseinandersetzungen. Der Kaukasus ist auch deshalb so besonders interessant, weil die Republiken der Region nicht der OPEC angeh?ren. Das k?nnte die M?glichkeit zur Einflussnahme auf deren Preispolitik er?ffnen. Im ?brigen ist das ?l von guter Qualit?t und der gr??te Teil wird exportiert. Und schlie?lich verf?gen die ?lstaaten der Region weder ?ber gen?gend Kapital noch ?ber die notwendige Technologie ? und bleiben so von den ?lmultis abh?ngig.

Anker geworfen
Die unterschiedlichen Interessen f?hren daher zu immer neuen Konflikten. So f?hrte die Frage nach dem Verlauf einer Gas-Pipeline zwischen Aserbaidschan und Turkmenistan zu einer bisher nicht gel?sten diplomatischen Krise. Turkmenistan, Iran und Russland bilden eine Koalition im Ringen um die Felder Araz, Alov und Schark, wo ?lvorkommen im Wert von 9 Milliarden Dollar vermutet werden. Sie halten die Arbeiten dort f?r illegal. Wie stark der russische Einfluss noch immer ist und zu welchen diplomatischen Seilt?nzen dies f?hren kann, zeigte der Besuch des russischen Pr?sidenten Vladimir Putin im Januar diesen Jahres, der erste eines Staatspr?sidenten aus Moskau in Aserbaidschan seit dessen Selbst?ndigkeit. Putin lie? die Flotte seines Landes im Kaspischen Meer auffahren und vor Baku Anker werfen ? ein unmissverst?ndlicher Machtbeweis. Putin und der aserbaidschanische Pr?sident Haydar Alijew unterschrieben eine Deklaration, in der sie ihre Absicht zum Ausdruck brachten, das Kaspische Meer gemeinsam zu nutzen. Kurz nach Abzug der Flotte klangen die Erkl?rungen der aserbaidschanischen Regierung aber schon wieder ganz anders.
Vor allem der iranisch-aserbaidschanische Konflikt zeigt die verstrickten und kollidierenden Konstellationen im Kampf um Macht und Gewinn in der Region. In Aserbaidschan wurden Drohungen laut, bei einer Krise mit dem Iran w?rden die 25 Millionen im Iran lebenden Aseris nicht unt?tig bleiben. Schon im Konflikt um die Region Karabach hatte der Iran Armenien unterst?tzt. Indes kann Aserbaidschan l?ngerfristig nicht auf gute Beziehungen mit dem Iran verzichten, da das Land den Durchgang zum Golf von Basra und zur T?rkei erm?glicht und einen gro?en Absatzmarkt bietet. Die Vereinbarung von Gespr?chen zeigt, dass dies auch den Regierungen klar ist.
Auch die ?lkonzerne man?vrieren zwischen konkreten, kurzfristigen ?konomischen Interessen und strategischen ?berlegungen. So war die British Petrol ? wichtigster ?lmulti bei der Erschlie?ung der aserbaidschanischen ?lfelder Azeri, G?neshli und Chirak ? lange gegen die von den USA favorisierte Pipeline von Baku ?ber Georgien an den t?rkischen Mittelmeerhafen Ceyhan. Der Grund: zu hohe Kosten, zu wenig ?l. Eine Pipeline durch den Iran w?re die wirtschaftlichere L?sung. Noch kosteng?nstiger w?re es, wenn das schwarze Gold an einen nordiranischen Hafen gebracht w?rde, wof?r der Iran im Gegenzug ?l am Persischen Golf abgeben k?nnte. Doch dem steht das US-Embargo im Wege. Nach der Fusion der BP mit der amerikanischen Amoco, ebenfalls Anteilseignerin in dem Konsortium zur F?derung des aserbaidschanischen ?ls, ver?nderte sich seit 1998 die Haltung und schlie?lich gab man gr?nes Licht f?r Baku-Ceyhan.

Streit um die R?hren
Um ihre Interessen zu realisieren, st?rken die USA seit Anfang der neunziger Jahre die T?rkei und bilden damit eine zweite Front gegen das B?ndnis Iran-Russland und ? mit Einschr?nkungen ? Turkmenistan. F?r die T?rkei scheinen nach Jahren der Verz?gerung die Dinge in Sachen Energie jetzt besser zu laufen. Nicht nur das wichtige BP-Ja-Wort f?r Baku-Ceyhan ist gefallen, auch eine R?hre vom Iran in die T?rkei soll im Herbst in Betrieb gehen. Lange hat sich dieses Projekt nicht zuletzt wegen der Proteste aus den USA verz?gert. Diese zeigen sich auch kritisch gegen?ber einem weiteren Projekt, das konkrete Gestalt annimmt: das Blue Stream-Projekt, eine Gaspipeline von Russland durch das Schwarze Meer in die T?rkei. Die Teilstrecken auf russischem und t?rkischem Territorium sind fertiggestellt, mit dem Bau der tiefsten Unterwasserpipeline der Welt wurde im August begonnen. Der russische Multi Gazprom und das italienische ENI/SNAM-Konsortium sind f?r diese Strecke verantwortlich, die in drei Monaten fertig sein soll. Kritische Stimmen warnen indes vor einer zu starken Abh?ngigkeit der T?rkei von russischem Gas und behaupten, Moskau werde billiges Gas in Turkmenistan einkaufen und es zu hohen Preisen durch diese R?hre in die T?rkei exportieren.
Auch in der Transportfrage gibt es weitere konkurrierende Projekte: Seit August ist eine Pipeline vom Tengiz-Feld in Kasachstan, wo die amerikanische ?lgesellschaft Chevron f?hrend ist, an den russischen Schwarzmeerhafen Noworossisk mit voller Kapazit?t in Betrieb. Sie verl?uft also ?ber russisches Territorium. Weiterhin wollen Armenien und Iran mit dem Bau einer Pipeline im n?chsten Jahr beginnen. Doch der Alternativen nicht genug: Polen und die Ukraine planen eine Pipeline, durch die das ?l ?ber das Schwarze Meer an den Hafen von Odessa gebracht und von neuem in eine R?hre gen Westen gepumpt werden k?nnte ? eine Umgehung der T?rkei. Ein weiteres Projekt: Die Tanker legen im bulgarischen Hafen Burgaz an und das ?l flie?t durch eine Pipeline zum griechischen Mittelmeerhafen Alexandropolis.
Noch sind die Vorkommen von ?l und Gas in der Kaspischen Region l?ngst nicht alle erforscht, geschweige denn erschlossen. In letzter Zeit gab es zwar zuweilen Meldungen, dass Felder trocken lagen ? insbesondere von den offshore-Feldern Aserbaidschans hatte man sich mehr erhofft. Andererseits wurden immer wieder umfangreiche Funde gemacht. In jedem Fall sind die Felder lukrativ genug, dass die Region noch zahlreiche Konflikte vor sich haben d?rfte. Die Tatsache, dass in jedem der Anrainerstaaten ?Minderheiten? leben, sowie die diktatorischen, auf Clanbeziehungen basierenden Strukturen, die soziale Unruhen geradezu hervorrufen, bieten f?r m?chtigere Staaten jederzeit gen?gend Argumente, um ihre Einflussnahme im jeweiligen Einzelfall zu rechtfertigen.


Sabine Ott arbeitet als Journalistin in der T?rkei.