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(Artikel * 2001) Berger, Tanja
Räuber, Retter und Gelehrte Die Debatte um die Rückgabe geraubter Kunst- und Kulturgüter Debatte um die Rückgabe geraubter Kulturgüter
in iz3w Nr. 255 * Seite 36 - 38
Themen: geraubte Kulturgüter * Dok-Nr: 134337
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; VNB Barnstorf; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Kulturg?ter

R?uber, Retter und Gelehrte
Die Debatte um die R?ckgabe geraubter Kunst- und Kulturg?ter

Viele Kunst- und Kulturobjekte in westlichen ?V?lkerkundemuseen? sind Relikte der Auspl?nderung durch koloniale Herrschaft. In j?ngster Zeit stellen postkoloniale Staaten und Gemeinschaften Forderungen nach der R?ckgabe der arch?ologischen und kulturellen Sch?tze. Die aktuellen Pl?nderungen von Kulturg?tern in vielen ehemaligen Kolonien zeigen, dass dieses Problem nicht der Vergangenheit angeh?rt, sondern durch den prosperierenden illegalen Handel neuen Aufschwung erhalten hat.

von Tanja Berger


Im Zuge des Kolonialismus und des ?berseehandels wurden seit dem 15. Jh. von Missionaren, Kolonialbeamten, Handelsreisenden und Abenteurern sogenannte ?Kuriosit?ten? aus Asien, Afrika und Amerika nach Europa gebracht. Neben der Pl?nderung der Goldsch?tze weckte das Exotische und Fremde die Faszination der Europ?er. ?sthetische Fragen standen zu diesem Zeitpunkt noch nicht im Vordergrund. Die gesammelten Ethnographica wurden ab dem 16. Jh. in Wunderkammern und Kuriosit?tenkabinetten ausgestellt, die zun?chst nur einem erlesenen Publikum Zugang gew?hrten. Im 17. Jh. wurden die Kammern auch f?r die breite ?ffentlichkeit zug?nglich, und man konzentrierte sich in der Folge auf die Pr?sentation von Kunstwerken, die den Sch?nheitsidealen der griechischen und r?mischen Antike entsprachen. Die Exponate wurden dabei jedoch ihrem historischen und kulturellen Kontext v?llig entrissen.
Gleichzeitig mit der Kolonisierung der pazifischen Inselwelt in der zweiten H?lfte des 19. Jh. wurden in Europa die gro?en V?lkerkundemuseen gegr?ndet. Hauptanliegen war nunmehr die wissenschaftliche Erforschung der ?gesammelten? Objekte. In der Annahme, die angetroffenen Kulturen bef?nden sich kurz vor ihrem Untergang, bem?hten sich die Forscher, m?glichst viele der noch vorhandenen Kulturg?ter zu ?retten?.1

Besitz und Anspruch
Die Objekte ethnographischer Museen wurden aus kolonialem Selbstverst?ndnis und wissenschaftlicher Neugier heraus aus den besetzten Gebieten entfernt. Dass dabei der materielle Wert nicht unbedingt an erster Stelle stand, hei?t nicht, dass die G?ter nicht auch unter Gewaltandrohung und -anwendung entrissen oder entwendet wurden. F?r den Stellenwert eines Museums waren fr?her ? und sind leider zum Teil noch heute ? zun?chst quantitative Kriterien ausschlaggebend: Ein erfolgreicher Museumskurator zeichnete sich durch eifrige Sammelt?tigkeit aus, und je umfangreicher die Best?nde eines Museums waren, um so besser galt sein Ruf. Erst an zweiter Stelle kamen inhaltliche Aspekte zum Tragen, wobei hier meist der Seltenheitswert der Objekte oder ?sthetische bzw. exotische Merkmale die bedeutenden Sammlungen charakterisierten.
Ein Jahrhundert nachdem die letzten Regionen ?entdeckt? und kolonisiert worden sind, verlangen postkoloniale Staaten Afrikas, Asiens, Ozeaniens sowie S?d- und Mittelamerikas die ? ihrer Meinung nach gestohlenen und widerrechtlich entfernten ? Kulturg?ter von den ehemaligen Kolonialm?chten zur?ck.2 Diese Forderungen haben Museumskuratoren, politische Entscheidungstr?ger und die ?ffentlichkeit auf ethische Aspekte des Besitzanspruches aufmerksam gemacht und die Autorit?t und Legitimation von Museen bez?glich ihrer Sammlungen und der Zurschaustellung kultureller Objekte in Frage gestellt.
Die Reaktionen der ?besitzenden? westlichen Staaten auf die immer vehementer ge?u?erten R?ckgabeforderungen sind unterschiedlich. Staaten, die nie eine aktive Rolle in der Kolonialpolitik inne hielten, wie zum Beispiel die Schweiz, verf?gen ?ber verh?ltnism??ig wenig Objekte. Die Best?nde stammen in der Regel von Forschungsexpeditionen, die im Auftrag der Museen unternommen wurden. Gesuche um R?ckerstattung von Kulturg?tern sind in den Schweizer Museen wohl auch deshalb seltener, weil sie nicht im gleichen Ma?e wie die ehemaligen Kolonialm?chte in der Schuld der postkolonialen Staaten stehen. Eine um so problematischere Rolle spielen in der Schweiz private Sammler und Kunsth?ndler.
In England, Frankreich oder Deutschland hingegen sehen sich die Museen, deren Best?nde mehrheitlich aus der Kolonialzeit stammen, mit zahlreichen R?ckgabeforderungen konfrontiert. Die Haltung jener Staaten ist defensiv, aus Angst, dass ein Schuldbekenntnis die Existenz der Museen in Frage stellen w?rde.
Bei R?ckgabeforderungen indigener Gemeinschaften spielt deren nationale Zugeh?rigkeit eine ausschlaggebende Rolle f?r die Haltung des jeweiligen ?besitzenden? Staates. In den USA, Kanada und anderen westlichen Staaten mit indigener Bev?lkerung finden die meisten R?ckgaben innerhalb des Nationalstaates statt. Die betreffenden Regierungen stehen hier zum einen unter innenpolitischem Druck, zum anderen bleiben die Kulturg?ter als ?nationales Kulturgut? bestehen, auch wenn sich nicht die gesamte Bev?lkerung damit identifiziert. Streitfragen um Eigentumsanspr?che f?hrten in den USA 1990 zur Verabschiedung des Native American Grave Protection and Repatriation Act (NAGPRA). Mit diesem Gesetz werden Verfahren und Rechtsstandards f?r die R?ckf?hrung menschlicher Relikte, Grabbeigaben und weiterer Kulturg?ter, die zum kulturellen Erbe indigener Gemeinschaften geh?ren, festlegt. Staatliche Einrichtungen, insbesondere Museen, werden dazu verpflichtet, Inventare ?ber ihre Best?nde zu erstellen. Indigene Gemeinschaften haben das Recht, diese einzusehen und ?bedeutendes? kulturelles Erbe einzufordern. Mit der Betonung auf ?bedeutendes? wird klar, dass mit dem NAGPRA in erster Linie die seit langem f?llige Anerkennung indigener Rechte ?ber sakrale Gegenst?nde kodifiziert wurde, es jedoch nicht beabsichtigt ist, s?mtliche Objekte zur?ckzuf?hren.3

?ffentliches Konservieren
Mit dem Ziel, sich selbst zu (re-)pr?sentieren, gr?nden indigene Gemeinschaften inzwischen eigene Museen, die sogenannten tribal museums und cultural centers.4 Es sind Einrichtungen, die nicht ?das Fremde? darstellen, sondern ?das Eigene?: Der Fokus liegt auf dem Erforschen, Pflegen und Weiterf?hren der ?eigenen kulturellen Identit?t? und Geschichte. Gleichzeitig soll damit das bei der Mehrheit der nicht-indigenen Bev?lkerung vorherrschende stereotype Bild des geschichtslosen ?Ureinwohners? korrigiert werden.
Trotz aller bestehenden Differenzen ist in den westlichen Staaten mittlerweile ein Paradigmenwechsel zu beobachten: Die Mehrheit der ?besitzenden? Staaten tendiert dazu, zumindest die R?ckgabe gewisser ?bedeutender? Objekte zu bef?rworten. Oberste Priorit?t ist und bleibt allerdings der Erhalt der Kulturg?ter f?r nachfolgende Generationen. Die angemessene und sichere Aufbewahrung wird von den westlichen Staaten als Bedingung f?r die R?ckgabe der Kulturg?ter gefordert. Will man das Risiko ausschlie?en, dass die Objekte in falsche H?nde respektive auf den Kunstmarkt gelangen, ist dieser Anspruch auch gerechtfertigt. Die heilige Thronfigur des Afo-A-Kom, die 1966 aus Kamerun gestohlen wurde, ist hierf?r ein Beispiel: 1973 setzte eine ?ffentlichkeitskampagne den privaten H?ndler, der damals im Besitz der Figur war, unter Druck und zwang ihn zur R?ckgabe. Sp?ter erschien die Figur jedoch wieder bei einem New Yorker Antiquit?tenh?ndler und verschwand schlie?lich in einer Privatsammlung. (Nat?rlich sind auch westliche Museen nicht vor Diebst?hlen gefeit.) Sicherheitsma?nahmen genauso wie Wissen im Bereich der Lagerung und Konservierung von Objekten sind ein Teil des Know-hows westlicher Museen, das den Institutionen in den Ursprungsl?ndern zusammen mit finanzieller Unterst?tzung zur Verf?gung gestellt werden muss. Im Austausch k?nnen gerade indigene Gemeinschaften oft einen unentbehrlichen Beitrag zur Erforschung und Dokumentation der betreffenden Kulturg?ter leisten, die Teil ihrer Kultur und Geschichte sind.
Der Stellenwert des ?Konservierens? an sich basiert auf einer eurozentristischen Sichtweise. F?r indigene Gemeinschaften ist es oftmals viel wichtiger, dass die Objekte wieder ihrer eigentlichen Funktion zukommen k?nnen.5 Das beinhaltet auch, dass einige Kulturg?ter ? in der Regel sakrale Objekte ? nicht f?r die ?ffentlichkeit bestimmt sind. Eine Vorstellung, die f?r westliche Museen schwer zu akzeptieren ist, da nach ihrer Ansicht der Zugang zu den Objekten f?r Forschungs- und Dokumentationszwecke gew?hrleistet sein muss. Diese Forderung entspricht allerdings selbst in westlichen Museen einer Wunschvorstellung, denn in der Regel wird der Zutritt zu den Sammlungen sehr restriktiv gehandhabt. Au?erdem n?tzt auch ein freier Zugang der Bev?lkerung in den Ursprungsl?ndern wenig, wenn die Kulturg?ter aufgrund der zur?ckzulegenden Distanzen de facto weiterhin unerreichbar bleiben. Und warum sollen in den Museen der Herkunftsl?nder und Ursprungsgemeinschaften Fotografien oder Kopien der eigenen Kulturg?ter, die in ausl?ndischen Museen verwahrt werden, gen?gen, w?hrend im Westen Originale n?tig scheinen, um der Vermittlungsaufgabe nachzukommen?6 Der Verdacht liegt nahe, dass die Museen, ganz abgesehen von Prestigeinteressen, ihre Existenzberechtigung verteidigen: Es ist eben doch der Besitz des Originals und nicht der Kopie, der das Museum auszeichnet.

Von Schmuggel, Markt und Handel
Trotz der unterschiedlichen Standpunkte im Umgang mit Kulturg?tern bietet letztlich nur die Zusammenarbeit der Beteiligten eine Chance, L?sungsans?tze in der Diskussion um R?ckgabe von Kulturg?tern zu finden. Ein Dialog ist vor allem auch deshalb erforderlich, um die momentan gr??te Bedrohung f?r Kulturg?ter ? den weltweit zunehmenden illegalen Markt ? zu bek?mpfen. Der Handel mit Ethnographica bl?ht und bringt Milliardenums?tze. Zu den f?hrenden Kunsthandelsnationen z?hlen die USA, Frankreich, Gro?britannien und die Schweiz. Neben rechtm??igen Transaktionen spielen illegale Entwendungen von Kulturg?tern, die sp?ter auf den internationalen Kunstm?rkten meist an private Sammler und Museen verkauft werden, eine zunehmend wichtige Rolle. Arch?ologische St?cke sind davon besonders betroffen. So vermutet man beispielsweise, dass in Costa Rica rund 95 Prozent aller arch?ologischen St?tten ganz oder teilweise gepl?ndert wurden. In Indien sind Sch?tzungen zufolge in der Dekade 1979-1989 ?ber 50.000 Objekte au?er Landes geschmuggelt worden. Die Methoden werden dabei immer skrupelloser: Mit Baggern werden arch?ologisch bedeutende Fundorte umgegraben. Statuen in Nepal oder Kambodscha entfernt man mit Hilfe von Stahls?gen aus ihren Schreinen. Mayastelen aus Guatemala werden zwecks Transport und mehr Profit in ?handliche? St?cke zers?gt.7 Neben dem materiellen ist vor allem der unwiederbringbare Verlust von Wissen gro?. Denn f?r das Verst?ndnis arch?ologischer Objekte ist es unerl?sslich, den Kontext zu kennen, in dem sie gefunden wurden. Die St?cke gelangen in der Regel ?ber mehrere Zwischenh?ndler auf den Markt und genaue Angaben ?ber Herkunft werden ? sofern ?berhaupt noch bekannt ? geheim gehalten. Neben Pl?nderungen arch?ologischer St?tten nehmen auch Diebst?hle aus Museen, Tempeln, Versammlungsh?usern und privaten Altaren zu. Sehr beliebt sind beispielsweise afrikanische Fetische und Masken aus Burkina Faso oder Mali. Inzwischen erstehen auch Touristen Kulturg?ter zweifelhafter Provenienz und bringen sie als Souvenirs mit nach Hause ? oft ohne sich der Problematik des Kulturg?terschutzes bewusst zu sein. Insbesondere f?r schriftlose Kulturen ist der Verlust ihrer Kulturg?ter katastrophal, denn jene sind oft Tr?ger kollektiven Wissens. Sakral- und Kultobjekte besitzen Wesenscharakter und sind unentbehrliche Begleiter im t?glichen Leben. Die Drahtzieher im illegalen Handel mit Kulturg?tern profitieren von der Armut lokaler Bev?lkerungen, die sich mit der Pl?nderung und dem Verkauf von Kulturg?tern das t?gliche ?berleben sichern. Grabr?uber, Diebe und Zwischenh?ndler verdienen allerdings nur einen Bruchteil dessen, was die St?cke auf dem Kunstmarkt und in den Auktionsh?usern erzielen. Die Kulturg?ter werden meist ohne nennenswerte Hindernisse ?ber die Grenze geschmuggelt. Um an die ben?tigen Ausfuhrpapiere zu gelangen, werden Zollbeamte und die zust?ndigen Beh?rden bestochen oder Bescheinigungen gef?lscht.
Der grenz?berschreitende Kunsthandel l?sst neben der weltweit festzustellenden Zunahme kultureller Kontakte im Rahmen sogenannter Globalisierungsprozesse die Zuordnung vieler Kulturg?ter auf einen einzigen Staat als nicht mehr gerechtfertigt erscheinen. Beeinflusst durch politische und ?konomische Entwicklungen, welche die Souver?nit?t der Staaten immer mehr in Frage stellen, erf?hrt die Vorstellung eines kulturellen Erbes der Menschheit zunehmend Akzeptanz. Eine solche Qualifizierung von Kulturgut kann sich jedoch als Argument gegen R?ckgabeforderungen erweisen, wenn man von der Behauptung ausgeht, dass dadurch die Objekte nicht an einen Ort gebunden sind, sondern ?berall aufbewahrt werden k?nnen, solange sie zug?nglich bleiben. Auf diese Argumentation st?tzt sich beispielsweise das British Museum (Gro?britannien), das bis vor kurzem R?ckgabeforderungen kategorisch ablehnte.
In der Debatte um den Schutz von Kulturg?tern kommt eine Vielzahl schwer fassbarer k?nstlerischer, kultursoziologischer, kulturpolitischer und ethnologischer Komponenten zum Tragen, was die Ausarbeitung gesetzlicher Bestimmungen schwierig macht. Obwohl einerseits eine zu enge Umschreibung des Kulturg?terbegriffs nicht angebracht ist, l?uft man andererseits mit einer offeneren Definition Gefahr, den Begriff und somit auch die Wirkung der Schutzinstrumente zu verw?ssern. Zentrales Merkmal von Kulturg?tern ist ihr immaterieller Wert. Ihre Einzigartigkeit als Zeugen kultureller Geschichte sowie ihre spirituellen Werte f?r Ursprungsgemeinschaften heben sie von anderen Handelsg?tern ab, die lediglich durch ihren Gebrauchs- und Marktwert bestimmt werden.

Kulturg?ter im Import ? Export
Die vom Kulturg?terdiebstahl betroffenen Staaten8 verf?gen nicht ?ber die n?tigen Mittel und Kapazit?ten, die Pl?nderung und illegale Ausfuhr ihrer Kulturg?ter zu unterbinden. Den H?ndlern kommt die noch l?ckenhafte Regelung des Kulturg?terschutzes gelegen, sie profitieren von den oft unzureichenden und vor allen Dingen uneinheitlichen Ein- und Ausfuhrbeschr?nkungen. Selbst wenn Kulturg?ter illegal ausgef?hrt werden, bedeutet das nicht automatisch, dass der Import in ein anderes Land ebenfalls gesetzeswidrig ist. Kulturg?ter werden schlie?lich auch ?ber Drittstaaten mit liberalen Ein- und Ausfuhrbestimmungen transferiert und dort mit den n?tigen Papieren ausgestattet. Somit ist es oft schwierig, die Trennlinie zwischen legalem und illegalem Kulturg?terhandel eindeutig festzulegen. Der grenz?berschreitende Kunsthandel macht deutlich, dass neben nationalen Gesetzen und zwischenstaatlichen Vereinbarungen einheitliche internationale Regelungen zum Schutz von Kulturg?tern erforderlich sind.
Als wichtigstes Abkommen ist hier die UNESCO-Konvention zur Verh?tung der unzul?ssigen Einfuhr, Ausfuhr und ?bereignung von Kulturgut von 1970 zu nennen, die bis heute von 91 Staaten ratifiziert wurde.9 Die Konvention setzt unter anderem den staatlichen Museen, welche auch zu den Abnehmern der Kunsth?ndler geh?ren, einen gesetzlichen Rahmen, der ihnen den Kauf von illegal exportierten Kulturg?tern verbietet. Der H?ndler ist verpflichtet, Auskunft ?ber die Provenienz der St?cke zu geben. Da die UNESCO-Konvention von 1970 privatrechtliche Fragen nur unzureichend abdeckt ? Rechte und Pflichten der privaten Museen und Sammler werden nur tangiert ? wurde 1995 diese L?cke mit der Unidroit-Konvention ?ber gestohlene oder rechtswidrig ausgef?hrte Kulturg?ter geschlossen. Letztere ist im Gegensatz zur UNESCO-Konvention direkt als nationales Gesetz anwendbar. Die Unidroit-Konvention wurde bislang von 22 Staaten unterzeichnet und von acht Staaten ratifiziert.10
Obwohl die gesetzlichen Ein- und Ausfuhrregelungen den legalen vom illegalen Handel abgrenzen, bieten Kunsth?ndler und ein Teil der Museen ? vor allem Kunst- und Antiquit?tenmuseen ? den Kulturg?terschutzabkommen die gr??te Opposition. Ihre Haltung begr?nden sie damit, dass die restriktiven Handelsma?nahmen dem illegalen Handel eher noch mehr Auftrieb geben w?rden. Und schlie?lich sei gerade dem regen Handel zu verdanken, dass viele Kulturg?ter nicht zerst?rt worden sind, sondern f?r die Nachwelt erhalten bleiben.
Zu bem?ngeln ist, dass alle Abkommen zum Kulturg?terschutz auf westlichen Rechtsauffassungen basieren und Grunds?tze fehlen, die traditionellen Rechtsvorstellungen Rechnung tragen. So folgt die UNESCO der eurozentrischen Argumentation, welche die Erhaltung des Kulturguts als oberste Priorit?t betrachtet. Insbesondere aber die Tatsache, dass die Konventionen nicht r?ckwirkend geltend gemacht werden k?nnen, schr?nkt den Handlungsspielraum weiter ein. Sie wird damit begr?ndet, dass w?hrend der Kolonialzeit noch niemand von Kulturg?terraub gesprochen hat und erst im Laufe der Zeit ein Paradigmenwechsel stattfand ? erneut also eine klar eurozentristische Sicht der Dinge.

Anmerkungen:
1 Ein Beispiel hierf?r ist die umfangreiche Expedition von A.C. Haddon, der 1898 unz?hlige Objekte sowie Filmmaterial und Tonaufnahmen von den Torres Strait Islands nach England brachte.

2 Aber auch europ?ische L?nder wie beispielsweise Italien oder Griechenland k?mpfen seit Jahren um die R?ckerstattung ihrer arch?ologischen Sch?tze.

3 Die USA nimmt hier eine Vorreiterrolle ein, die in krassem Widerspruch zu ihrer Rolle als f?hrende Kunsthandelsnation sowie als vehementer Gegner des Selbstbestimmungsrechts indigener V?lker steht.

4 Die ersten derartigen Institutionen wurden in den 1960er und 1970er Jahren in den USA gegr?ndet. Indigene Gemeinschaften in Australien, Neuseeland und dem Pazifik ?bernahmen schon bald die Idee.

5 Gr??tenteils von den ethnographischen Museen akzeptiert ist inzwischen die R?ckf?hrung menschlicher Relikte und Grabbeigaben zur ordentlichen Bestattung. Dadurch wird deutlich, dass f?r westliche Staaten die ethische Schwelle bei menschlichen ?berresten tiefer liegt als bei Objekten.

6 So fand beispielsweise die Er?ffnung des Museums in Benin-City, Nigeria mit Abg?ssen und Fotos der ber?hmten Benin-Masken statt. Die Originale sind weltweit in privaten Sammlungen und staatlichen Museen verstreut.

7 Beispiele aus: Greenfield, Jeanette (1996): The return of cultural treasures.

8 Dazu geh?ren neben den amerikanischen Staaten insbesondere China, S?dostasien und Afrika sowie in j?ngster Zeit auch die Staaten Osteuropas.

9 Stand: 30.1.2001, Webpage: www.unesco.org.


10 Stand: 31.1.2001, Webpage: www.unidroit.org. Auch der Europarat und die Europ?ischen Union haben Abkommen zum Schutz von Kulturg?tern erlassen. Im Kriegsfall kommt das Haager ?bereinkommen von 1954 zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten zur Anwendung.


Tanja Berger ist Ethnologin und aktives Mitglied der IWGIA, Int. Work Group for Indigenous Affairs