Volltext

(Artikel * 1997) Spreen, Dierk
Was ver-spricht der Cyborg? Über den technisch angepaßten Menschen der technisch angepaßte Mensch
in Blätter des iz3w Nr. 225 * Seite 16 - 19
Themen: Technik; Mensch * Dok-Nr: 130935
Standorte: A3W Osnabrück; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; 3WF Hannover; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Biopolitik

Was ver-spricht der Cyborg?
Über den technisch angepaßten Menschen


von Dierk Spreen


Wer kennt sie nicht, die omnipotenten Maschinenmenschen wie Arnold Schwarzenegger alias Terminator? Doch ist es eine Frage des persönlichen Geschmacks, ob man sich die Inszenierung von Technokörpern in Science-fiction-Filmen anschaut oder sich beim nächsten Kinobesuch nicht doch lieber für eine Komödie (mit Schwarzenegger in der Hauptrolle?) entscheidet. Dagegegen hat die nicht nur in der Debatte um Biotechnologie virulente Frage nach dem Subjekt im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit weiterreichende Implikationen. Doch zunächst: Was ist überhaupt ein Cyborg und welche Subjektposition kommt in ihm zur Geltung, oder anders gefragt: welche Auswirkungen haben Herzschrittmacher, organische Transplantate oder genetische Manipulationen auf die Vorstellungen und Erfahrungen, die die Menschen von und mit sich selbst machen.

Das Wort Kybernetik kommt aus dem Griechischen und bezeichnet die Kunst des Steuermanns, Piloten oder Leiters. Kybernetik ist laut Norbert Wiener die Wissenschaft von »Nachrichten, insbesondere Regelungsnachrichten« (1974, 20); sie untersucht automatische Systeme aller Art, die sich durch informationsverarbeitende Rückkopplungsmechanismen selbst regulieren.
Die Bezeichnung Cyborg ist eine Abkürzung für cybernetic organism. Gemeint wird mit dieser Bezeichnung eine informations-, gen- und/oder biotechnische Rekonstruktion des Menschen, die in erster Annäherung impliziert, den Menschen an neue Umwelten anzupassen (etwa technische Milieus, fremde Planeten, Raumstationen, Subaquaterrains oder auch eine hochtoxische, postatomare Zukunft), weil die natürlich-gegebene Selbstregulierung des Organismus diesen neuen Umwelten und ihren Anforderungen nicht entspricht.

Der Cyborg als Metapher
Zunächst erscheint der Cyborg als Metapher für den Neuen Menschen. Daß die Verschmelzung des Menschenkörpers mit Maschine und Materie Befreiung aus den Verstrickungen der bürgerlichen Welt und Wendung zu etwas ganz Neuem sei, wird bereits vor dem ersten Weltkrieg von der futuristischen Bewegung formuliert. Im futuristischen Manifest von 1909 heißt es entsprechend: »Mit uns beginnt die Herrschaft des von seinen Wurzeln abgetrennten Menschen. Die des vervielfältigten Menschen, der sich mit dem Eisen vermischt und von Elektrizität nährt. Bereiten wir die bevorstehende und unvermeidliche Verschmelzung des Menschen mit dem Motor vor.« (F.T. Marinetti n. Virilio 1994, 141) Der Mensch wird von seiner sorgenvollen Schwere befreit, indem er sich der technischen Hyperbeschleunigung seines Körpers hingibt und in einen »revolutionären, kriegerischen Dynamismus« (Marinetti/Balla) eingeht, der ihn von der Ich-Identität löst und mit der Materie vereinigt.
Die Momente der Umwälzung und des gänzlich Neuen im Zusammenhang mit einem völligen Einlassen auf die Technik erscheinen ebenfalls in den Techno-Phantasmen Ernst Jüngers. Auch teilt er mit dem Futurismus die Begeisterung für den Krieg, der Grenzsituation, die die Sinne des Menschen zu technischer Präzision schärft. Der Prognose des Futuristen Enrico Prampolini, daß »der Ausbruch des Krieges [...] die europäische Sensibilität schärfen« wird, kann Stoßtruppführer Jünger (später Käfersammler) nur zustimmen. Er beschreibt den Cyborg in der Gestalt des Arbeiters, der als »neues Menschentum« auftritt, das sich durch die »Verschmelzung des Unterschieds zwischen organischer und mechanischer Welt« auszeichnet. Als Symbol dieser Identität von Fleisch und Maschine gilt ihm die »organische Konstruktion«. Technik wird einverleibt; sie wird Organ: »In bezug auf diese Werkzeuge selbst ist von organischer Konstruktion dann zu sprechen, wenn die Technik jenen höchsten Grad von Selbstverständlichkeit erreicht, wie er tierischen oder pflanzlichen Gliedmaßen innewohnt.« (Jünger 1982, 187)
In diesen Ideen eines Neuen Menschen verbinden sich technische Kraft und kriegerische Zerstörungsgewalt zu einem metaphorischen Konglomerat: Der technische Krieg zerstört die alte Gattung bzw. das bürgerliche Subjekt und erschafft einen neuen, gestählten Menschen, der in der gefährlichen Umgebung der Schockwirkungen, plötzlichen Effekten und hohen Geschwindigkeiten nicht nur besser zurecht, sondern an seinen (kollektiven) Ursprung, zu sich selbst kommt.
Ein paar Katastrophenmeldungen später sieht diese Cyborg-Metapher auch für den Blindesten nicht mehr so rosig aus, und Jüngers Bruder, Friedrich-Georg, verfaßt eine radikale Kritik der technischen Welt. Der Cyborg selbst mutiert nun zu einer pazifizierten Metapher, in die sich jetzt gentechnologische Möglichkeiten hineinmischen. Im Namen des »evolutionären Humanismus« entwickelt Julian Huxley die Idee zur Umformung des Menschen durch »positive Eugenik« in seinem ? dem technikkritischen Bruder Aldous gewidmeten ? Werk. »Die Wirkkraft der menschlichen Umformung kann jedoch nicht die blinde, automatische, natürliche Selektion der vormenschlichen Phase sein.« Vielmehr »täte eine psychosoziale Selektion not, eine Selektion, die ebenso, nicht-natürlich? wäre wie die meisten menschlichen Tätigkeiten und Beschäftigungen, wie das Kleidertragen, das Kriegführen, das Essenkochen, die Benutzung willkürlicher Kommunikationsmittel. Eine solche ,nicht-natürliche? Auslese, soll sie wirksam sein, müßte bewußt, zweckdienlich und planvoll durchgeführt werden.« (Huxley 1965, 262) Ziel dieser Rekonstruktion soll die »entwicklungsgeschichtliche Erfüllung« sein: »Liebe, guter Wille und vorbehaltlose Zusammenarbeit; Integration der Persönlichkeit und innere Harmonie; Vermehrung unseres Wissens.« (218) Wird die totale Mobilmachung Ernst Jüngers jetzt durch die totale Optimierung ersetzt bzw. ergänzt?
Der Cyborg dient jedoch nicht nur als Metapher des ganz Neuen, sondern auch des ganz Anderen, das gerade die Unifizierung im Phantasma des Neuen Menschen zu zerbrechen scheint. Die amerikanische Biologin, Wissenschaftshistorikerin und Feministin Donna Haraway sieht in den grundsätzlichen Möglichkeiten zur Neuanordnung von Grenzen, die die Gen- und Cyborgwissenschaften hervorbringen, die Chance abzuweichen. Es ergibt sich die Möglichkeit, »unsere eigenen Grenzlinien in die Welt zu zeichnen.« (Haraway 1995, 174) Cyborgs erscheinen als Mischwesen, deren Mischungsverhältnisse sich stets ändern können, offen und unklar sind. Ihre Subjektposition wird nicht durch einen natürlichen Körper verdinglicht und als natürlichste Sache der Welt ins Feld patriarchaler Macht eingefügt, vielmehr scheinen Cyborgs sich als »un/an/geeignete Andere« den Praxen hierarchischer Herrschaft zu entziehen: »Eine Cyborg-Subjektposition resultiert aus und führt zu Unterbrechungen, Lichtbeugungen, Neuerfindung.« (191) Wie die Verschiebung von Schriftzeichen einen Text völlig verändern und verfremden kann, so gibt der Cyborg endlich auch einen Körper, der es dem Subjekt erlaubt, sich den allgemeinen und autoritären Zuschreibungen und Formen zu entziehen. Ist der Cyborg eine neue Hoffnung, sozialen Machtverhältnissen zu entkommen?

Imaginäre Cyborgs
Inzwischen wird immer häufiger die begründete Befürchtung geäußert, daß Logik und Richtung der informations- und biotechnologischen Forschung und Praxis, die sich selbst als Rettung des Menschen und des Lebens anpreisen, vielmehr umgekehrt zur Diffusion der Subjektivität des technisch erlösten Leibes ins reine Medium bzw. in den »bloßen Diskurs« (Berr 1994) führen könne. Werden von uns nur Digital-Gespenster (,Digispenster?) bleiben? Ist der Cyborg gegenüber dieser Auflösung des Subjekts in den unbegrenzten Verschiebungen, die im Netz möglich sind, eine Alternative?
In den Medien und in der Science-fiction erscheint der Cyborg als verkörperte Imagination des Subjekts per se. Ob als »Robocop«, »Universal Soldier« oder »Terminator«, immer rumort unter der oberflächlichen Programmierung das Subjekt. Schließlich bricht das Ich wie ein Phoenix aus dem technischen Unbewußten hervor und übernimmt die Kontrolle über den superpotenten Technokörper. Der Cyborg erscheint von vornherein als vereinzelter Körper, als Individuum; die technische Kontrolle gilt als aufgesetzt und dem ,menschlichen? Inneren als letztlich wesensfremd. Implizites Versprechen der imaginären Cyborgs ist also das Subjekt selbst. Ist der Cyborg die Körper-Imago, die eine sich im Netz verstrickende Subjektivität retten hilft? Oder ist dieses Versprechen eine Täuschung?
Zumindest ist es ambivalent. Zunächst ? um welche Subjektform handelt es sich eigentlich? Es ist offensichtlich, daß sich an der Cyborg-Imago ungebrochene Männerphantasien austoben. Es handelt sich um gepanzerte, gestählte, mit integrierten Waffen bestückte und selbstdisziplinierte Kämpfernaturen, menschliche Ganzheitsmaschinen.
Die Cyborg-Imago flimmert nicht nur über die Leinwand, lebt nicht nur in den Seiten von SF-Romanen, sondern sie diskutiert auch in wissenschaftlichen Diskursen mit. Die Bezeichnung Cyborg wurde zum erstenmal 1960 von den australischen Wissenschaftlern Manfred Clynes und Nathan Kline geprägt. Sie arbeiteten für die NASA an einem Unternehmen, Möglichkeiten der Anpassung des menschlichen Körpers an Bedingungen im Weltraum zu erforschen (Clynes und Kline 1995). Diese Initialforschung weitet sich aus zu einem wissenschaftlichen, wenngleich in den Sechzigern noch hypothetischen Projekt des universellen Umbaus und der gezielten Rekonstruktion des Menschen. Imaginiert wird ein äußerst ,abgehärtetes? Menschenwesen, das in extremen Umwelten existieren können soll: Ein solcher Cyborg hat keinen Verdauungsapparat mehr; damit werden auch Zähne und Kiefer überflüssig. Eventuell wird sogar der ganze Mund ersetzt, falls Kommunikation über eine permanente Funkverbindung, eine Art technischer Telepathie, abgewickelt werden kann. Einige Bio-Bausteine des Körpers sollen zwar erhalten bleiben (z.B. Gehirn, Muskeln, Haut, Skelett), aber die bisher unwillkürlichen Funktionen des Organismus werden nun bewußt kontrolliert. Zusätzlich werden im Körper osmotische Pumpen implantiert, die Nährstoffe, Medikamente oder Drogen nach Bedarf zuführen können (Lem 1981, 583f).
Dadurch, daß der Körper dem Stoffwechsel mit der Natur entzogen und totale ? weil den Körper ohne Rest unterwerfende ? Subjektivität erzeugt wird, setzt sich das Subjekt über die vermittelte Geschäftsfähigkeit seines bürgerlichen Typus hinweg. Bedenkt man die Tatsache, daß Geld in der Sprache des Unbewußten das Symbol für Kot ist, läßt sich die Konstruktion der Cyborg-Imago nahtlos mit den Phantasmen unmittelbarer Identität im vernetzten Technokollektiv zusammenführen, wenn man diese symbolische Äquivalenz einmal probehalber umkehrt: Die Zirkulationssphäre, die zwielichtige, unklare und kritische Vermittlung sozioökonomischer Prozesse durch das Medium des Geldes wird symbolisch abgespalten. Insofern verbindet sich der Cyborg ,organisch? mit der Idee universeller Vernetzung menschlicher Restkörper (Gehirne) und künstlicher Intelligenzen zu einem telematischen System.
Was meint der Cyborg, wenn er (besser als seine Kritiker) vom Subjekt spricht? Die Abstoßung des inneren Stoffwechsels, die unbedingte Kontrolle des technisch aufgerüsteten Körpers, die Beseitigung der Sprache durch eine Kommunikation unmittelbaren Anschließens, münden alle diese Phantasmen nicht genau darin, »das eigen Menschliche, das Es, die Produktivkraft des Unbewußten in sich zu beherrschen, von sich abzustoßen«? (Theweleit 1980, 162)
Dieses Ziel kann auf zwei Wegen erreicht werden: Entweder durch Panzerung und Cyborgisierung oder durch Abstoßen der Körper und Aufgehen im Kollektivleib. Ob der Körper durch ein umfassendes Arsenal von Körpertechniken (von Yoga bis zum Implantat) ?in-Form? gebracht wird oder sich in einem Digital-Gespenst auflöst, ist vielleicht im Ergebnis gleich. In beiden Fällen schließt der Mensch sich mit sich selber kurz und verliert gerade damit jenes potentiell offene und unbestimmte Körperverhältnis zu sich selbst und zur Welt, das ihn ausmacht.
Aber müssen Cyborg-Imago und Cyborg-Metapher zusammenfallen? Gäbe es nicht doch die Chance eines sich wandelnden, schizophrenen und unklaren Cyborgs, wie ihn sich Donna Haraway vorstellt? Werfen wir einen Blick in die ,Wirklichkeit?.

Der reale Cyborg
Der reale Cyborg spricht im Diskurs der Humanmedizin. Welche Aussagen, welche Wissenskonfigurationen und welche Kontexte bilden den realen Text, den der Cyborg heute spricht (der er ist) ? gewissermaßen ,jenseits? der Zukunftsvisionen? Aus welchen materialen Elementen besteht sein Diskurs?

Organtransplantate: Ein inzwischen weitverbreitetes Element des Cyborgs sind organische Transplantate. Nieren, Herzen, Netzhäute, lebenden oder hirntoten Spendern ? gelegentlich auch klassischen Leichen ? entnommen, verbessern Körper, die sich ihrer Umwelt nicht mehr oder nicht mehr optimal gewachsen zeigen. Diese Ersatzteile versprechen Gesundheit und neues Lebensglück. Aber werden riesige Ressourcen aus Mitleid und Hilfsbereitschaft in Gang gesetzt oder wird der ,kranke? Leib als Versuchsfeld benutzt, in dem Tests zur Verträglichkeit von Fremdgewebe durchgeführt und Immunsuppressiva geprüft werden? Wozu dient dieses Wissen über den Menschen? Spricht das humanitäre Bedürfnis zu helfen oder spricht der Cyborg? Oder spricht dieser vielleicht gerade durch die Humanität hindurch?
Fremde Nieren kann ich noch als ,meine? identifizieren, aber was bedeutet ,mein?, wenn Hirngewebe transplantiert wird? Hirngewebeverpflanzungen werden ja gerade deshalb durchgeführt, um die geistige Haltung, z.B. von Parkinson-Kranken, zu ändern und ein körperkontrollierendes Subjekt herzustellen (Linke 1996, 51). Aber werde ,ich? geheilt oder wird nicht nurmehr ,der? Mensch erneuert/rekonstruiert?
Ernsthaftere Bedenken wirft Xenotransplantation auf, d.h. der Einbau tierischer Organ- und Hirnsubstanz in Menschenkörper. Man hat zwar keine Probleme, abgetriebenen menschlichen Föten neuronale Substanz und hirntoten, aber ansonsten noch lebendigen Menschen, Organe zu entnehmen, aber ist es gestattet, Primaten zu züchten, um sie bei lebendigem Leibe auszuschlachten? Anders steht es mit Xenotransplantaten, die von genetisch manipulierten Schweinen produziert werden, denn ? so ein Gutachten des unabhängigen britischen Nuffield Council on Bioethics ? »es ist schwer einzusehen, daß in einer Gesellschaft, die Schweine für Schnitzel und Kleidung züchtet, deren Nutzung für lebensrettende Medizin nicht akzeptiert sein sollte.« (Science, Vol. 271, 8.3.1996, 1357; vgl. Koechlin 1996)
Künstliche Implantate: Durch den realen Cyborg-Diskurs geistert der gesunde Mensch. Ein anderes, künstlich-technisches und klassisches Element dieses Versprechens sind Prothesen. Sie dienen schon lange verstümmelten und unvollkommenen Körpern als Überlebenshilfe. Inzwischen hat ihre Technik einen beinah perfekten Stand erreicht: Mit porösen Titanlegierungen beschichtete Prothesen verwachsen mit den Knochen und geben einen Halt, der sie zunehmend komfortabler macht und »ein ganz irres Lebensgefühl« ermöglicht.
Prothesen sind bereits eine Ausweitung des Nervensystems: Nehmen Sie einen Bleistift in die Hand, schließen Sie die Augen und tippen Sie vorsichtig auf eine Tischfläche. Wo ist Ihr Empfinden? In den Fingerkuppen oder in der Bleistiftspitze? Inzwischen ist es möglich technische Implantate zu konstruieren, deren elektrische Leiter mit Nervenfasern verbunden sind. Dies ist der Fall beim »Cochlea-Implant«, einem Radio im Kopf, das im Falle einer bestimmten Art von Taubheit in die Ohrschnecke implantiert wird. Ein Mikrophon erfaßt akustische Daten aus der Außenwelt, die ein Mikroprozessor verarbeitet. Durch Radiowellen werden diese Informationen an den im Kopf eingepflanzten Empfänger-Stimulator übermittelt, der sie in elektrische Impulse zurückverwandelt und den Hörnerv reizt. Die Frage, ob elektrische Telepathie möglich ist, wird rhetorisch.
Der Einsatz von technisch-mechanischen Implantaten erzeugt Schnittstellenprobleme an der Körpergrenze, da aus der Haut austretende Drähte, die zu Batterien führen, leicht zu Infektionsherden werden können. Neuere Forschungen versuchen daher das Energieproblem durch biotechnische Implantate zu umgehen: Ein dem Körper entnommener Muskel wird um einen Zylinder mit Flüssigkeit gewickelt, mit einer Blutpumpe verbunden und im Brustkorb implantiert. Ein kleiner elektrischer Stimulator reizt den Muskel, so daß er sich kontrahiert und entspannt, also als biologischer Motor der künstlichen Pumpe wirkt. Der Muskelstimulator benötigt so wenig Strom, daß ihm dieser durch Induktion an der unversehrten Hautoberfläche geliefert werden kann.
Der Körper verschmilzt mit seinen künstlichen Implantaten. Dagegen mit Entfremdung (Virilio 1994) zu argumentieren, wirkt ziemlich hilflos. »Der Mensch«, so wird der Cyborg antworten, »hat schon immer technische Instrumente benutzt, ist von daher sowieso ein künstliches Wesen.« Und recht hat er: um Entfremdung geht es schon lange nicht mehr.
Neue Organe: Elektrische Netze können als Ausweitungen des zentralen Nervensystems, mithin als neue Körperorgane, gesehen werden. Das Auge beispielsweise kann als elektrischer Dipol betrachtet werden, dessen willentlich herbeiführbare Zustandsveränderungen von einem entsprechenden Interface gemessen und interpretiert werden können. Behinderte mit schweren Rückenmarksverletzungen oder durch amyotropische Lateralsklerose Gelähmte können dadurch einen Computer bedienen und als Kommunikationsprothese benutzen. Ein solches Interface am Auge gibt dem reinen Wahrnehmungsorgan zusätzlich instrumentellen Charakter; es kann z.B. genutzt werden »einem Chirurgen das Steuern eines Endoskops während der Operation mit den Augen zu ermöglichen.« (Lusted/Knapp 1996, 74) Per »Biomuse«, einem universalen Interface zwischen Computern und elektrischen Signalen im Körper, können Muskelströme abgelesen und zur Steuerung von Instrumenten benutzt werden. Analog können auch Hirnströme gemessen (EEG) und so verarbeitet werden, daß die Gedanken unmittelbar körperexterne Geräte steuern können wie die eigene Hand. Die amerikanische Luftwaffe experimentiert damit in der Hoffnung auf zusätzliche Kontrollmöglichkeiten, »die die Piloten auch dann nutzen können, wenn ihre Hände und Füße bei schwierigen Flugmanövern beschäftigt sind.« (ebd., 78) Das Flugzeug funktioniert als Körper des Piloten, und umgekehrt ist der Pilot der Servomechanismus seines Fahrzeugs ? er ist mit ihm zu einem kybernetischen System verschmolzen.
Der Cyborg verspricht gehandicapten Körpern ein besseres Weltverhältnis. Und ist der Menschenkörper nicht grundsätzlich antiquiert? Sind wir nicht alle nur Krüppel, deren Unzulänglichkeit im technischen Umfeld deutlich zur Geltung kommt? Geborene Versager, Mängelwesen eben? Ob körperlich Versehrter, Chirurg oder Flugzeug- und Raumschiffpilot ? die Heilungsversprechen des Cyborgs weiten sich ganz selbstverständlich zur Rekonstruktion des Menschen überhaupt aus.
Neue Sinne: Nicht nur aus der Medizin, sondern auch aus der Industrie kommt ein weiteres Versprechen des Cyborgs: Er verspricht neue Selbsterfahrungsmöglichkeiten und neue Sinnlichkeit. Organische dünne Schichten aus Proteinen, Enzymen usw., eingefaßt in Kunststoffmembranen, erweisen sich wahlweise als äußerst feinfühlige Biosensoren oder Energieemitter. Damit wird es prinzipiell möglich, organische Geräte zu bauen. Organische Transistoren erreichen inzwischen Schaltgeschwindigkeiten, die an jene ihrer Siliziumkollegen heranreichen. Mit genetisch programmierten Bakterien als Motor verbunden, sollen organische dünne Schichten als Biosensoren das Innere des Körpers erforschen und winzige implantierte Pharma-Pumpen steuern, die dann ein künstliches und vor allem kontrollierbares Immunsystem bilden (Bertrand 1993). Der Cyborg ist online mit seinen Cholesterinwerten. Über Fragen, die das Verhältnis von Geist und Körper behandeln, macht er sich keine Gedanken, denn er ist mit sich selbst gleichgeschaltet.
Umschreiben des genetischen Codes: Werden in Zukunft genetische Manipulationen vorbeugend die diversen Abwehrreaktionen therapieren, mit denen der Körper auf übermäßige Technisierung oder auf organische Fremdpartikel in seinem Innern zu reagieren pflegt (Immunreaktionen, Phantomschmerzen, Schock)? Offensichtlich ist der menschliche Körper nicht immer in der Lage zu erkennen, was gut für ihn ist, so daß es sich als medizinisch-ethisch gerechtfertigt erweisen kann, einen zum Implantat passenden Körper zu züchten. Wäre es nicht verantwortungslos, kommende Generationen leiden zu lassen, indem man ihnen die Einlösung der Versprechungen des Cyborgs verwehrt?

Dem Cyborg eine Chance
Sollen wir dem Cyborg eine Chance geben? Obwohl die Frage von Medizin, Industrie, Wissenschaft und Politik schon entschieden scheint, lohnt es sich vielleicht doch, sie erst einmal zu stellen. Gestellt hat sie, als offene Frage, meines Wissens nur Donna Haraway. Sie spricht für den Cyborg, aber sie diskutiert mit ihm und setzt ihn unter Zwang, sein Wort zu begründen. Eine andere Frage ist, ob diese Gründe überzeugen. Handelt es sich um Versprechungen oder um Versprecher?
Wenn man Haraways Cyborg-Metapher für den Moment beiseite schiebt, dann versprechen sowohl metaphorische wie imaginäre und reale Cyborgs einen sich selbst gleichen, mit sich selbst identischen Menschen. Diese Subjektposition läßt sich als »fraktal« kennzeichnen. Das fraktale Subjekt träumt davon, »jedem seiner elementaren Bestandteile zu gleichen« (Baudrillard 1986, 6). Von nichts anderem spricht der Cyborg, der sich aus sich selbst recycelt! Und das Ergebnis? ? »Das Ende vom Ende ist es, nur noch sich selbst zu gleichen, was einen von der Angst befreit, den anderen zu gleichen ? das heißt, sich überall selbst wiederzufinden, umgesetzt, aber mit der eigenen Formel identisch: überall geht man gleichzeitig mit den gleichen Voraussetzungen über die Bildschirme.« (ebd., 7) Die Versprech/er/en des Cyborgs münden in der vollkommenen Implosion des Selbst. Was er ver-spricht, das hält er.
Aber, um den Blick wieder auf die Seite zu richten, gibt es wenigstens die Möglichkeit eines Schizo-Cyborgs? Ich möchte diese Frage bejahen. Aber wo findet sich dieser Cyborg? Es ist der Mensch, dieses Erfahrungstier, selbst. Wegen seiner weltoffenen, exzentrischen Körperverhältnisse steht er im Bodenlosen und befindet sich daher immer in unklarer Schwebe: Was wir ,sind?, ist immer künstlich. Mit und gegen Donna Haraway läßt sich also sagen: Wir sind schon Cyborgs, warum also sollten wir Cyborgs werden?

Leicht gekürzte Fassung eines zuerst im März 1997 in Ästhetik & Kommunikation, H.96 erschienen Artikels.

Literatur:

Baudrillard, Jean (1986): Subjekt und Objekt: fraktal, Bern

Berr, Marie-Anne (1994): Die Kadenzen der Schöpfung: Gott ? Mensch ? Maschine, in: Dietmar Kamper/Christoph Wulf (Hrsg.): Anthropologie nach dem Ende des Menschen, Frankfurt am Main 1994, S. 203-216

Bertrand, Ute (1993): Allheilmittel Information. Gen- und Informationstechnologien sollen das Gesundheitsmanagement optimieren, in: Wechselwirkung, Nr. 62, August 1993, S. 9-14

Clynes, Manfred E./ Kline, Nathan S. (1995): Cyborgs and Space, in: Chris H. Gray (Hrsg.): The Cyborg Handbook, New York/London 1995, S. 29-33

Futuristen (1985): Drahtlose Phantasie. Auf- und Ausrufe des Futurismus, Hamburg/Zürich

Haraway, Donna (1995): Monströse Versprechen. Coyote-Geschichten zu Feminismus und Technowissenschaft, Berlin

Huxley, Julian (1965): Ich sehe den künftigen Menschen. Natur und neuer Humanismus, München

Jünger, Ernst (1982): Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt, Stuttgart

Koechlin, Florianne (1996): 93% Mensch, 7% Schwein. Xenotransplantationen bringen neue Gefahren und ethische Probleme, in: Wechselwirkung, Juni 1996, S. 7-11

Lem, Stanislaw (1981): Summa technologiae, Frankfurt am Main

Linke, Detlef B. (1996): Hirnverpflanzung. Die erste Unsterblichkeit auf Erden, Reinbek

Lusted, Hugh S./ Knapp, Benjamin R. (1996): Computersteuerung mit Nervenimpulsen, in: Spektrum der Wissenschaft, 12/1996, S. 72-78

Theweleit, Klaus (1980): Männerphantasien, Bd. 2, Männerkörper ? zur Psychoanalyse des weißen Terrors, Reinbek

Virilio, Paul (1994): Die Eroberung des Körpers. Vom Übermenschen zum überreizten Menschen, München/Wien

Wiener, Norbert (1964): Mensch und Menschmaschine. Kybernetik und Gesellschaft, Frankfurt am Main/Bonn


Dierk Spreen ist Soziologe und arbeitet zur Zeit über Medientheorie. Zuletzt hat er herausgegeben: Online-Verstrickungen (= Ästhetik & Kommunikation, Nr. 96)